WinterWortExperimente

2. Dezember     Die Schneeflocken haben heute Nachmittag angefangen den Campus zuzudecken. Eine dünne, weisse Pulverschicht rundet Ecken und Kannten. Hysterisches Lachen hallt vom Hallway durch die Zimmertür. Eine herumgeworfene Orange liegt zerschmettert auf dem rotbrauenen Teppichboden. Meinem Gehirn fällt es schwer einen Gedanken zu produzieren. Mein Körper presst sich an die schnaufende Heizung, rollt sich ein, dreht sich um. Schon wieder ist eine Unterrichtsstunde ganz ohne mich zu Ende gegangen. Gibt es freien Willen überhaupt? Es hat aufgehört zu schneien. Morgen wird ein blauer Himmel mich und all die gefrorenen Wasserkristalle wieder verschlucken. Einzig die Schattensilhouette des Juniperbusches neben dem Castle bliebt weiss. Es gibt noch ein paar wenige Schularbeiten. Zu wenig, um sich aufzuraffen und sich richtig darum zu kümmern. Zwischen hustenden Lehrern und schlafenden Schülern schleicht die Zeit dahin. Müde, müde, alle sind müde. Von Zeit zu Zeit findet sich ein kleines Restchen Energie und Hannah befreit ihre Mandoline aus dem Haufen von Schulbüchern und herumfliegenden Chemieaufgaben. Der erste falsche Ton lockt mich aus meiner Höhle hervor und wir starren durchs Fenster hinunter aufs Feld wo ein paar Schüler in der kalten Abenddämmerung herumrennen. Warten auf die Ferien. Schwimmen in einer Zeit, die sich anfühlt wie klebriger kochender Karamel, der Blasen aufwirft, die sofort wieder in sich zusammenfallen.

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7. Dezember

Es ist spät geworden
Im Jahr
Eis umschliesst das Gras nun den ganzen Tag
Wenn die Hände Fäuste bilden
Um das bisschen Wärme zu behalten

Ich finde es
Für mich ist es echt ok
Wenn du gerade keine Zeit hast

Sag mir
Ich weiss nicht wie viel von
Dir nur noch in meinem Kopf existiert

Vollgestopfte Wandschränke
Worte
Die man nicht öffnen darf
Geschluckt
Halb verdaut

Es ist spät geworden
Am Abend
Zu spät
Um noch einmal nachzuschauen
Und noch einmal dasselbe zu finden

Hinter meinen Fingern
Wachsen Eisblumen am Fenster
Filigrane Spitzen die sich nur
Ganz leicht berühren

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15. Dezember     „Roomie, this is the last time I’m leaving Campus and I’m coming back!“    Die Stille der einen Minute, in der ich am Boden sitze, umrundet von halb geflickten Kleidern, einer Zahnbürste, einem Briefumschlag, zwei Keksen, einem Teebeutel und einem leeren Rucksack. Die Stille hämmert ihre Nägel in meine Haut. Ich kann kaum. Kopfschmerzen vom Herumrennen. Vom Wind, der wie Wasser durch die schlecht isolierten Fensterritzen fliesst und das Zimmer flutet. Ich kann nicht, will doch. Stop! Ordne dich. Was ist es denn, vor dem du dich versteckst? Warum ist diese Stille so unangenehm? Meine Finger streichen über die zusammengekrampften Zehen, immer und immer wieder. Mein Oberkörper wiegt hin und her, hin und her. Ich weiss jetzt, ich weiss, ich kann. Trösten, mich selber und andere. Aber was ist es dann? Das lachende runde Gesicht, ein Weinglas, Füsse, die kaum den Boden berühren weil sie immerzu hüpfen, das Wort Buddy, geflüstert, gelachen, geschrien? Fetzen von purem Glück, die an mir kleben, mich reich machen, mich schützen. Vor der Welt, vor mir selbst. Die Zeit verlangsamt sich, tickt, verschwindet. Was bleibt in dieser erdrückenden Stille, schmerzend, die Erkenntnis, dass es schon so bald einfach vorbei ist.

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16. Dezember        Vollbremse. Zusammengepresst im Vakuum. Draussen regnet es jetzt. Drinnen ist es immer noch ein bisschen kalt. Nach einem 4-stündigen Nap immer noch müde. Kopfhungrig. Auf Entzug. Das Wasserrad in meinem Kopf dreht im Leeren. Da ist nichts mehr, was es nonstop füttert. Dann vielleicht ist schlafen die beste Idee…

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18. Dezember -Montezuma (NM)

Was ist denn schon zu Hause?
Ein Gefühl, das nach vier Monaten Unterdrückung einen Aufstand macht?
Wenn nach einer vor Fett tropfenden Pizza belegt mit schlampigen Pilzen die
Distanz anfassbar wird?

Was ist denn schon zu Hause?
Ist es die Liebe für den Menschen, der mir eine Geschichte vorliest?
Ist es der Ort, wo die Schneeflocken auf der Nase schmelzen?
Sehnsucht, vermissen, lange Zeit
Was ist schon zu Hause!

Was ist denn schon Realität…würdest du sagen
Durch Herzen verbunden
Es ist genau da, wo nichts anderes seinen Platz hat
Da, wo Winterflammen ihre Wärme verbreiten

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26. Dezember  -Albuquerque (NM)

Halbfrüh am Morgen, noch still im Knoblauch Haus. Nur Charlie steht neben mir am Küchentisch und macht frischen Kaffee. Eine Villa Kunterbunt, lebendig, farbig, jung und voller Traditionen. Eine Tür offen für alle. Egal wie alt, woher, ob laut oder lieber leise, lustig oder ernst, man ist willkommen.

„Omelette for breakfast, ja?“

Wir haben zwei Tage lang gekocht für Weihnachten. Die Küche war ununterbrochen in Betrieb. Jede Stunde füllte ein anderer Duft das Haus. Menschen kamen, halfen wo sie konnten, brachten etwas vorbei und kauften fehlende Zutaten. So viel herrliches Essen für so viele Menschen.

img-20161224-wa0010Ein Weihnachtstisch voll von Leuten, gestrandet, geblieben oder gezwungen zu bleiben in New Mexico. Alle ohne ihre Familie. An diesem Abend gab es keine Steifheiten oder unausgesprochene Worte, die sich über die Jahre in einer etwas eingerosteten Gemeinschaft von Leuten festgesetzt haben. Diese Gemeinschaft bestand aus einem Haufen Menschen, vom Zufall zusammengewürfelt. Viele haben sich noch nie zuvor
gesehen.

Nach dem Essen sassen wir alle um den kleinen Weihnachtsbaum und für jeden gab es ein kleines Geschenk vom Santa Clause im Tausch für eine Geschichte. Manche erzählten von ihrer ersten Begegnung mit den USA, andere teilten Kindheitserinnerungen oder Reisegeschichten. Die Worte brachten mich oft zum Lächeln. So viel haben wir Fremde in diesem Land doch irgendwie gemeinsam. Ich hätte kaum einen besseren Ort finden können, um meine erste Weihnachten weg von zu Hause zu feiern.

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27. Dezember -Albuquerque (NM)     Acoma Pueblo Sky City, die älteste Siedlung in Nordamerika, mitten in der Wüste auf einer hohen Mesa. Traditionelle Stein- und Adobelehmhäuser mit ihren kleinen Fensterchen drängen sich dicht an dicht über dem Abgrund. Kein fliessendes Wasser, kein Strom, kein Teer. Trommeln tönen aus der Mitte des Dorfs hinaus in die kalte, klare Luft. Ein Zedernholzfeuer auf dem trockenen sandigen Platz vor der grossen Kirche inmitten weisser Grabkreuzen. Einige Schritte weiter das Ende der Mesa, der Abgrund und eine glasklare meilenweite Sicht bis zu den rot schimmernden Mesas am Horizont. In der anderen Richtung genauso weit weg eine weisse Bergspitze. Vor dem Feuer die Dorfältesten, für die vor der Kirche getanzt wird. Ein streunender Hund zwischen den Grabkreuzen. Braungebrannte, alte und weise Gesichter, lange dichte, schwarze Haare. Die Kirche, übrig geblieben aus der spanischen San Esteban del Rey Mission, ein grosser Saal mit Jesusbilder und Hirschköpfen an der Wand. Keine Holzbänke, aber ein Weihnachtsbaum in der Apsis. Plastikklappstühle aufgestellt in einem Kreis um die Tänzer herum. Die Sonne schickt ihre Strahlen durch die hohen Fenster, lässt den Staub im Licht glitzern. Am hartgestampften Boden weisse Mokasins, die sich mit dem einfachen Rhythmus der Trommeln bewegen. Begleitet von Gesängen, Wehklagen, eine Sehnsucht nach vergangener Zeit, Respekt vor der Zukunft und Würdigung des Jetzt. Die Metallplättchen der farbig gemusterten Kostüme, die Rasseln der Tänzer, das flatternde Büffelfell und die ernsten Gesichter der jüngsten Tänzer. Die Acoma Pueblo haben mir zum ersten Mal ein echtes Gefühl für die faszinierende Geschichte von diesem Teil des Landes gegeben.

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3. Januar -Seattle       Das Leben schmilzt wie die Sahne einer heissen Schokolade auf der Zunge. Zucker bleibt am Gaumen kleben während die Augen gierig durch das Fenster über den Puget Sound auf die Olympic Mountains starren. Eine einzige weisse Wolke hängt am milchig blauen Himmel. Möven lassen sich in den Wind fallen und fangen sich kurz vor dem Selbstmord wieder auf. Die Sonne blendet, die Stadt ist laut, meine Gedanken ziellos, pausenlos, schrill…bis der Sonnenuntergang alles in weiche Winterfarben taucht und die tausend Lichter anfangen zu flimmern.

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5. Januar 2017 -Portland (OR)             In zwei Tagen werde ich wieder zurückfliegen nach New Mexico. Diese Winterferien waren eine Reise durch neue und aufregende Orte, ein Einblick in die Leben von so vielen verschiedenen Menschen und ständiger Wechsel. Eine Übung im Anpassen und trotzdem sich selber bleiben. Die Tage sind fast unbemerkt an mir vorbeigezogen, gefüllt wie ein zufriedener satter Magen. Mein liebes Heimweh hat sich ab und zu bemerkbar gemacht wenn ich zu Gast bei einer Familie war. Immer wieder wurde ich nach meinem zu Hause gefragt und meinen Geschwister und was die so machen. Bittersüsse Momente. Wie wunderschön, dass es euch gibt, irgendwo…

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Frei?!

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Beim elften Versuch habe ich die richtige Folge von Griffen und Gewichtsverlagerung in der Felswand gefunden und erreiche mit minimalem Kraftaufwand die Spitze. Muskeln in den Fingerspitzen und den Zehen arbeiten zusammen. Meine ganze Konzentration liegt auf der nächsten Bewegung. Möglichst exakt. Es gibt keinen Platz für Gedanken, die wie Weltraummüll in meinem Kopf kreisen. Endlich verstummen die lästigen Hintergrundgeräusche. Alles Unangenehme und Schwierige löst sich auf. Die Droge des süssen Erfolges breitet sich in meinem Körper aus, wenn der letzte sichere Stoss eines Fusses mich über die Felskannte schiebt. Es kümmert mich so wenig, was mal war, was mal kommen wird. Überlasse mich der Kraft der Gegenwart und fühle mich frei.

 

In letzter Zeit habe ich viel über frei sein nachgedacht. Heute Abend haben sich einige dieser Gedanken zusammengefügt und mit Gefühlen und Erfahrungen, die sich über Jahre angesammelt haben, verbunden. Daraus hat sich etwas herauskristallisiert und verfestigt, über das ich nun zu schreiben versuche.

Als kleine Anmerkung: Was ich hier schreibe ist verallgemeinert. Ich bin mir bewusst, dass es Ausnahmen auf dem ganzen Spektrum von positiv bis negativ gibt.

Mit fünf oder sechs Jahren, manchmal auch schon früher, werden wir (alle, die das Privileg haben) in das Schulsystem eingebunden. In diesem System verbringen wir den grössten Teil unserer Kindheit und praktisch alle Jugendjahre, oft bis ins frühe Erwachsenenalter. In dieser Zeit entwickelt sich unser Verständnis für die Welt und die Menschen, mit denen wir leben. Antrieb dafür ist Neugier. Unsere Neugier bestimmt, wie schnell dieser Prozess voran geht. Jedes Kind, ohne Ausnahme, fängt an seine Umgebung zu erforschen, wenn es die Möglichkeit dazu hat. Die Art zu erforschen und zu entdecken ist einzigartig für jeden Menschen. Genauso sind die Interessen, die wir zu einer gewissen Zeit an einem gewissen Ort haben unterschiedlich. Ein Interesse wird aus Neugier geboren und solange die Neugier nicht gestillt ist, werden wir fragen. Das ist so was wie ein Naturgesetz. Es ist der Schlüssel zum Lernen. Es muss nur die Umgebung dafür geschaffen werden und der Rest passiert von alleine. Genauso wie das Leben auf der Erde entstanden ist. Lernen funktioniert nach dem gleichen Konzept wie alle Entwicklungen in der Natur funktionieren.

Aber das Schulsystem hat nichts davon verstanden und bricht dieses Gesetz mit allen verfügbaren Mitteln, statt es zu nutzen. In einer festgelegten Zeit müssen wir uns mit etwas beschäftigen, das uns interessiert, wenn wir Glück haben. In diesem Fall, wird die Neugier und der Wille zu lernen nach einer Stunde mit der Schulglocke abrupt unterbrochen, gezwungen zu stoppen und in ein komplett anderes Interesse umzuschwenken. Das soll in etwa fünf Minuten passieren. Zehn Mal am Tag. Wenn wir das Pech haben, kein Interesse an dem zu finden, was der Lehrer vorne an der Wandtafel erzählt, sind wir gezwungen eine Stunde auf eine Stuhl zu sitzen und künstliches Interesse aufzubringen. Dies ist nicht nur eine hohe Kunst, sondern auch schwer frustrierend, wenn es etwas anderes gibt, an dem wir natürlich interessiert wären. Noch frustrierender ist es jedoch, ständig beim Lernen unterbrochen zu werden. Unsere Individualität wird in Boxen gezwängt und zurecht gebogen. Das Schulsystem bringt Frustration. Jeden Tag. Wir gewöhnen uns relativ schnell daran. Wir kennen ja nichts anderes aber nach spätestens der zweiten Klasse ist die Schule milde gesagt „doof“. Die Frustration ist wie ein Virus, der unsere Neugier befällt und langsam lähmt oder auch tötet. Interessen, die am Anfang noch da waren, sterben ab. Die Krankheit der Gleichgültigkeit befällt die Schulen. Natürlich hat das Schulsystem eine Pille erfunden, um dieses Symptom erfolgreich zu bekämpfen: Prüfungen. Wir arbeiten für eine Bewertung, die uns eine gute Zukunft in der Gesellschaft versichert. Eine Bewertung, die unsere Chancen bestimmt. Wir lernen unter dem künstlichen Druck der Bewertung, statt mit der Antriebskraft der natürlichen und hundertmal wirkungsvolleren Neugier. Wir lernen für eine Zahl und nicht für uns selber. Dabei kann man hier kaum mehr von lernen reden. Die Prüfungspille hat schwerwiegende Nebenwirkungen. Schüler erfinden Strategien, um das Material für Prüfungen so schnell wie möglich in sich hineinzustopfen und an der Prüfung wieder auszukotzen. Dabei bleibt selten etwas hängen. Das ganze Theater ist sinnlos, verschwendet viel Zeit, macht wütend, ist erschöpfend und frustriert einmal mehr. Manche Schüler zerbrechen in den Boxen, in die sie gezwängt werden und ihre Neugier stirbt. Dieses Problem beschränkt sich nicht nur auf die Zeit in der Schule sondern prägt für das Leben. Das Schulsystem produziert Menschen, die verlernt haben neugierig zu sein und lernen zu wollen. Menschen, die auf Leistung und Erfolg getrimmt sind und blind sind für alles was nicht auf diesem Weg liegt. Frustrierte Menschen, geldgierige Menschen, müde Menschen, ignorante Menschen und vor allem unglückliche Menschen.

Ich glaube, dass Bildung die Welt retten kann…

…würde das Schulsystem sich von dem Wort System befreien und sich in etwas umwandeln, das die natürliche Neugier von jedem einzelnen Kind unterstützt und fördert. Das Verständnis und Bewusstsein der Menschen für die Welt und ihre Mitmenschen wäre ein anderes. Und  genau das ist es, was wir in diesem Jahrhundert brauchen. Eine radikale Veränderung.

Ich habe ein starkes Bedürfnis mich nach zwölf Jahren aus diesem System zu befreien. Ich merke, wie meine Neugier nach einem Winterschlaf aufwacht und sich ihren Platz zurück erobert. In ihrer ganzer Kraft. Ich bin hungrig. Ich will frei sein. Ich will lernen, was mich interessiert und nicht, was mir vorgeschrieben wird.

Ich weiss. Ich weiss nur noch nicht genau wie.

 

Die Ereignisse der letzten 24 Stunden waren eine einzige Tragödie. Langsam und unaufhaltsam haben sich die Staaten gestern Abend auf der Amerikanischen Karte rot gefärbt. Im Auditorium versammelte sich der ganze Campus. Der Ausdruck des Entsetzen und Unglaubens spiegelte sich immer stärker in den Gesichtern, die auf die Zahlen auf der grossen Leinwand starrten. Der letzte hoffnungsvolle Jubel als Hillary 55 Stimmen in Kalifornien gewann, hysterisches Lachen, erste Tränen und leise Gebete liessen das sonst so grosse Auditorium auf einmal klein erscheinen. Das, was keiner erwartet hatte, geschah. Trump wurde zum Presidenten der USA gewählt.

Ausnahmslos jede Schulstunde und jedes Gespräch drehte sich heute um die Wahlen. Ironisch strahlte der dunkelblaue Novemberhimmel über der Niedergeschlagenheit, Verwirrung und Verunsicherung. Ich werde nicht von den Auswirkungen dieser Wahl sehr milde betroffen sein. Aber es ist nicht einfach für mich mit dem was passiert umzugehen. Wie soll ich meine Roomie trösten, die schluchzend auf ihrem Bett sitzt weil ihr den ganzen Tag unter die Nase gerieben wurde, wie SCHEISSE ihr Land ist? Wie soll ich reagieren, wenn Lehrer vor der Klasse anfangen zu weinen? Was soll ich sagen, wenn eine Diskussion aus Frustration in totale Fantasien und Spekulationen eskaliert?

Es ist das erste Mal, das ich so etwas erlebe. Es ist unangenehm. Es ist überall, in jeder Ecke und Ritze. Und es tut mir so unendlich leid für alle, die den direkten Auswirkungen dieser Wahl für die nächsten vier Jahre ausgesetzt sind. Im Moment ist alles noch sehr emotional und im Schockzustand. Ich hoffe, dass aus der Katastrophe eine grosse Veränderung hervorgeht.

Meine Antwort ist und bleibt nun umso stärker:

Bildung ist die Wurzel von allem.

 

Ein paar Tage vor dem Wahnsinn, als die Welt noch halb in Ordnung war:

Kollaborative experimentelle Feuerkunst am „dia de los muertos“

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Herbst

Innerhalb von wenigen Tagen machte die grelle und staubige Sommerhitze einer beruhigenden Kälte und vielen warmen Farben platz. Am Morgen ziehen lange Nebelschlangen über die flache karge Ebene, die ich durch mein Fenster sehe. Die wenigen Laubbäume unter den immergrünen Pinien sind zu gelben Farbtupfer geworden. Der Herbst ist gekommen. Meine Lieblingsjahreszeit in New Mexico.

Auch auf der Farm…

Kartoffel, Mais, Bohnen, Tomaten und Zughettiernten, herber sauersüsser frisch gepresster Apple cider, Spaghetti squash, der als Abendessen in der Cafeteria gekocht wird und Pinons, die in ihrer harten Schale essbare Kerne tragen, die nach Olivenöl und New Mexico schmecken.

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Genau vor einem Jahr bin ich durch die Pecos Berge gewandert, habe zum ersten Mal für etwas länger in der nun so vertrauten groben Schönheit der Wildnis, die mich hier umgibt, gelebt. Dieses Jahr, als second year, durfte ich in Montezuma bleiben und versuchen das IB zu überleben. Während der Survival week haben wir auf der Farm einen Horno Brotofen gebaut. Nach der traditionellen Art mit sonnen getrockneten, sandhaltigen Erdblöcken, viel Schlamm und Lehm, wie es die Natives in Nordamerika schon vor tausenden Jahren gemacht haben. Poncho von Santa Fe ist zwei Tage auf unsere Farm gekommen und hat uns mit professioneller Hilfe und viel Fachwissen geholfen, Block für Block aufeinanderzusetzen und festzukleistern. Nach stundenlangem, konsentiertem, klug aussehendes Englisch in den Computer tippen, war die Arbeit auf der Farm Schlammtherapie für eine vernachlässigte Seite von mir, die viel Erde unter den Füssen, frische Luft, die den Geruch der Freiheit trägt, verwurzelte Bäume und manchmal auch Sonnenblumen braucht. Poncho, der zwischendurch alles zum Einsturz brachte und dann in einer Schubkarre sass, rauchte, nachdachte, wie man den Ofen wieder reparieren konnte und darüber philosophierte wie gut unsere weibliche Energie für den Spirit des Hornos ist, brachte uns alle zum Lachen. Das Ergebnis lässt sich trotzdem sehen. Und bald gibt es Pizza und Brot aus dem Horno Ofen….

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14435248_10154441507559376_1450246799510433873_oZwischen Himmel und Erde, zwischen den Sternen, zwischen dem Dampf, der von den Hot Springs aufsteigt. Mal da, mal dort, immer irgendwo. Schnell, schneller, ganz schnell, Lichtgeschwindigkeit. Verschwommen. Die Augen, die einem Sonnenuntergang zuschauen, können die Farben nicht verfolgen. Das Gehirn funktioniert zu schnell. Ich kann einen Moment sehen. Weiss nur, dass es einmal hell orange war und jetzt ist es kitschig kirschrot. Das rote Schloss mit den weissen Geländern verschwimmt unter dem farbigen Himmel zu einem surrealen Bild. Meine Hände strecken sich aus und klettern von Moment zu Moment auf dem Kletterfelsen der Zeit. Das Dazwischen ist ausgefüllt von Alltagssorgen, chaotischen Listen und Schule. Sie sind wie ein Fliegenfänger und jeder Versuch, um die Falle herumzukommen und Sinn zu finden, endet in dem tödlichen Kleber. Dampfender Mate Tee zwischen Zahlen, Formeln und anderen Zauberwesen. Ich merke, wie ich langsam etwas müde werde. Kalte Steine und schlechtes Essen in meinem Bauch.14455823_1188600921198530_77107367_o-1 Eine Verspannung im Nacken, die sich nicht abschütteln lässt. Computertasten, ein Tanz der Finger, Verrenkungen im Gehirn. Tee hat ausgedampft. Hämmern an der Tür und grinsende Gesichter. Auch erschöpfte Gesichter, ausdruckslose Gesichter. Müde. Meine Nerven spannen sich. Ich will eine Höhle. Isoliert von Licht, Ton und Information. Mich verkriechen, erst wieder auftauchen, wenn der schwierige Teil vorbei ist. Aber nein. Da ist irgendwo eine Hand. Eine Geschichte. Eine Notiz: „It’s Friday, you can do it!“. Durchatmen.

Wie soll ich  eine Entscheidung treffen, wenn meine Gedanken knapp bis zum nächsten Freitag reichen? Wie soll ich wissen, was das Richtige ist? Für das nächste Jahr, für das Übernächste und für danach. Es fällt mir unglaublich schwer irgendwie darüber nachzudenken. Alle um mich herum schreiben Bewerbungen und planen. „After UWC“ ist zum Gesprächsthema Nummer 1 geworden. Ich habe immer noch irgendwelche Knoten, die jegliche Aktivität in diese Richtung lähmen. Könnte ich in einen Luftballon steigen und dieser komplizierten Welt davonfliegen….

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Ob in mir ein mittelgrosses Durcheinander entstanden ist? Diese Frage wurde mir als Reaktion auf meinen letzten Blog gestellt.

Es ist schwer zwischen Durcheinander und Ordnung zu unterscheiden. Die vertrauten Spiegel, die mich zu Hause reflektiert haben und mir ein Gefühl über den Stand der Dinge in mir drin gegeben haben, existieren hier nicht. Ich habe gelernt mit einem sehr relativen Gefühl von Durcheinander und Ordnung zu leben, das inzwischen so normal geworden ist, dass es mir nicht einmal mehr auffällt. Dies wiederspiegelt sich sicher in meinem Geschriebenen, gemischt mit meiner Freude an der Sprache und dem Zusammensetzen von Worten. Ich kann mir gut vorstellen, dass zwischen-den-Zeilen-Leser, die mich kennen, sich davon irritieren lassen. Ein Rat: Macht euch keine Sorgen um mich. Ein Durcheinander ist nötig für Veränderungen. Lest meine Blogs als ein abstraktes Kunstwerk und nicht als die exakte Wiedergabe meines Lebens. Denn auch die begrenzten Ausschnitte der Zeit, die ich durch Worte auszudrücken versuche sind, ohne das Ganze zu sehen, verzerrt. Interpretationen sind jederzeit erlaubt. Sie sind Inspiration und meistens Anlass, über mich selbst zu kichern.

 

Ich hab mir jetzt eine Höhle unter meinen Bett gebaut. Es ist gemütlich da mit vielen Kissen und Lichterketten. Seither finde ich manchmal jemand zusammengerollt unter meinem Bett, wenn ich zurück in mein Zimmer komme. Es ist irgendwie beruhigend, zu wissen, dass man nicht die einzige mit einem starken Höhlenbewohnerbedürfnis in der Zeit der Entscheidungen und des Schulstress ist…

 

Vogelperspektive

Hallo ihr lieben auf der anderen Seite

Ich bin zurück. Mein zweites Jahr hat begonnen. Diese zwei Sätze kreisen seit knapp einer Woche in meinem Kopf und werden jeden Tag ein kleines bisschen wahrer. Im Bus vom Flughafen zurück zum Campus fanden die vertrauten bunten Stimmen kaum Zugang zu meinen Ohren. Es war laut, viel zu laut, Aufregung umringte diese verrückt gewordene Gruppe von jungen Menschen, die sich mitten im Nirgendwo nach zwei Monaten wieder in die Arme fielen. Erst die warmen, intensiven Strahlen der Abendsonne und die vorbeiziehende Wüstenlandschaft New Mexicos weckte ein tiefes Gefühl von Verbundenheit.

In der ersten Woche verbrachte ich vier Tage mit einer Gruppe von second year Wilderness Leaders in den Pecos, um uns auf die first year Orientation Trips vorzubereiten. Ein Wortbild:

Die Welt um mich herum ist gerade erst aufgewachen. Der See ist noch ganz still, lässt die Natur sich in seiner Oberfläche betrachten. Keine Spur mehr von den Hagelkörnern, die gestern das Wasser aufgewühlt haben. Farben sind verschlafen. Ein blasses Grau und einige Grüntöne gähnen im Schatten. Die goldene Morgensonne berührt mit ihren Strahlen die Spitzen der Felsen hoch oben. Wind streicht über mein Gesicht. Das Wasser kräuselt sich in kleinen ringförmigen Wellen und verzehrt das Spiegelbild. In bin zurück in den Pecos, atme den Duft der Wildnis, höre die vertrauten Geräusche der Lebewesen, die hier wohnen und fühle wie ich einen Teil davon werde. Das Blau des Himmels ist kräftiger geworden, der Morgen weicht langsam dem Licht, dem Tag. Der sanfte Wind trägt die Stimmen der Frühstückkochenden unter dem kitchen tarp zu meinem Felsen am See: der norwegische Akzent von Elias, Deevas Lachen und amerikanischer Slang. Hier bin ich. Hierher gehöre ich für dieses Jahr. Es ist ein überwältigendes Gefühl.

Ich hatte so keine Ahnung was second year sein bedeuten würde. Keine Ahnung wie es sich anfühlen würde. Meine Lebensqualität hat sich komplett geändert. Der leere Raum, der meine second years hinterlassen haben, ist zu meinem Freiraum geworden. So viel Platz, um herauszufinden und auszuprobieren wie ich sein möchte. Raum, um mich auszudrücken ohne mich beobachtet oder bewertet zu fühlen. Aber es gibt niemanden mehr, der mich auffängt. Ich fange mich selbst auf und trage gleichzeitig das Gewicht der first years, die sich mir anvertrauen. Dieser Rollenwechsel tut gut, fordert mich auf eine neue Art. Es festigt das, was sich letztes Jahr angefangen hat zu bilden. Wilderness hat mir dazu in den ersten Wochen fantastische Möglichkeiten geboten. Ich wurde in die Rolle des Leaders geworfen, ob ich wollte oder nicht und langsam haben sich all die kleinen und grossen Unsicherheiten in etwas verwandelt, das ich als einen Teil von mir akzeptieren kann. Ein drei tägiger Trip mit first years zu leiten war anfangs nicht einfach. Mit der Unterstützung meiner co-leaders und Instructor hat sich in einer kurzen Zeit eine sehr interessante Gruppendynamik gebildet. Geschichten verknüpften uns Menschen miteinander. Es war wunderbar zu sehen wie die Anspannung und Erschöpfung von den Gesichtern der firsties wich und durch ein zufriedeneres Lächeln und eine gesündere Art der Erschöpfung ersetzt wurde.

Orientation bringt viele Déja vus für mich. Ich erkenne mich in den herumirrenden, verloren lächelnden firstie Gesichtern wieder. Aber es ist das zweite Mal für mich. Ich weiss nach welchen Regeln das Ganze funktioniert. Ich erlebe das Chaos, in dem ich vor einem Jahr steckte, von einer ganz anderen Seite. Trotzdem war ich überwältigt von den all den neuen Menschen, die uns ganz plötzlich überfluteten und so dauerte es einen Moment, bis ich wieder zu mir kommen konnte. Doch jetzt erkenne ich wie einmalig und wertvoll diese Tage sind. Alle firsties bringen so viel von ihrem zu Hause, ihrer Kultur, ihrem Land mit. Durch den Campus zu gehen fühlt sich an wie hundert Gewürze auf einmal zu schmecken. Kleine Gesten, Wörter oder Verhaltensweisen lassen mich innehalten. Alles ist ungefiltert, bunt und hochinteressant. In einigen Wochen werden wir alle anfangen einander näher zu kommen und dabei bildet sich die UWC Kultur. Das Chaos bekommt Strukturen und alle lernen die UWC Sprache, die ungeschriebenen Regeln und Werte. Irgendwann wird es wieder so normal sein, dass man manchmal vergisst, dass wir von so unterschiedlichen Orten kommen und komplett anders aufgewachsen sind.

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Vor einer Woche hat die Schule wieder angefangen. Meine unbefangenen Gedanken, die in Orinetation noch frei auf irgendwelchen Blumenfelder herumtanzten erstarrten mit der Erkenntnis, dass es jetzt wirklich ernst wird. Ein unsichtbarer drückender Nebel hat sich über die second years gelegt. IB, EEs, IAs, college applications, Exed leadership und dann all die TOEFLs, SATs und was es sonst noch gibt, haben die Regierung übernommen. Ein paar lächerliche Abkürzungen, die so viel Stress verbreiten und das schon in der ersten Woche. Ein Teil von mir belächelt das ganze Theater, das keinen Sinn ergibt, egal von welcher Perspektive man es anzuschauen versucht und dann fliege ich davon, ins Land der Träume, Erinnerungen und Illusionen. Von weit weg, hoch oben sehe ich den Ameisenhaufen, in dem ich lebe, fühle die Freiheit, die Luft unter meinen Flügeln. Ich sehe die Welt aus der Vogelperspektive und frage mich was die Menschen tun. Frage mich, wie wir uns so unglaublich tief in unseren eigenen Spinnweben verfangen konnten. Wie wir überhaupt in diesem viel zu engen System überleben. Ein anderer Teil von mir, der verantwortliche, aufgeräumte, besorgte und zielstrebige versucht verzweifelt all die verschiedenen grösseren und kleineren Schularbeiten nach Wichtigkeitsgrad zu sortieren und zu erledigen. Nur finden immer öfter Streitereien der beiden Teilen in meinem Kopf statt und ich habe das Gefühl, dass es eine meiner Hauptaufgaben dieses Jahr sein wird, eine Balance für diesen Konflikt zu finden.

Welcome Ceremony II

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Hätte nicht gedacht, dass ein solches Bild von mir je existieren würde…
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Jetzt sind wir eine richtig kleine Schweizer Familie
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Die Castle Mädchen

 

Heute Nacht habe ich zufälligerweise die offene Tür des Klassenzimmers im dritten Stock des Castles entdeckt. Ich sitze auf der Fensterbank, sehe unter mir die Flaggen sich im sanften Wind wiegen. Ich höre das Nachtkonzert der Grillen und die Stimmen der Nachtschwärmer, die sich in Decken gewickelt zum water reservoir davon schleichen. Weiter weg schimmern die Lichter von Montezuma und Las Vegas. Letztes Jahr habe ich irgendwann aufgegeben, diesen Ort hier zu meinem zu Hause machen zu wollen. Doch heute Abend, als ich mit all den deutschsprecheden Schülern an einem Tisch sass und im Kerzenlicht viel zu süssen Apfelkuchen ass, als ich mich etwas später in einem Zimmer wiederfand, das ich noch nie zuvor besucht habe und mich von dem einen auf den anderen Moment so verbunden fühlte mit diesem Mädchen, mit dem ich kaum ein Wort gewechselt habe letztes Jahr, jetzt wo ich in diesem Klassenzimmer sitze, jetzt überkommt mich ein Gefühl für diesen Ort, der dem Gefühl eines zu Hause wohl am nächsten kommt. Und dieses Mal ist es nicht ein Windhauch, der kaum etwas hinterlässt, sondern eine Art Gewissheit, Sicherheit oder auch Wahrheit.

Eine Mail von einer guten Freundin hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Schule, mit der ich ja eigentlich den grössten Teil meiner Zeit hier verbringe, sehr kurz kommt in diesem Blog. Ich habe über das Warum nachgedacht, bin aber nicht wirklich auf einen guten Grund gekommen. Ich werde sehr ehrlich sein, nichts schön reden und nichts weniger loben als gelobt werden soll. Ich glaube, die Schule hier verwirrt mich (vielleicht is das der Grund), sie macht mich wütend, sie inspiriert, sie ist mühsam, macht müde und entspricht oft nicht meinen Vorstellungen. Das IB (International Baccalaureate), nach dessen Strukturen und Lehrplänen hier unterrichtet wird, ist international anerkannt und kann in etwa mit der Matur in der Schweiz gleichgestellt werden. Das IB ist keine Erfindung der UWCs, es wird weltweit auf bestimmten Schulen in der Oberstufe angeboten und hat einen guten Ruf bei vielen Universitäten. Nur finde ich und damit bin ich auch nicht die einzige hier, dass IB und UWC überhaupt nicht zusammen passen. Das IB hat extrem enge Ansichten, wie etwas aussehen soll, was richtig und falsch ist. Kreativität kommt in jedem Fach ausser den Kustfächern viel zu kurz. Manchmal gibt es gute Ansätze zu selbst gesteuertem Lernen, Gruppenprojekten oder Experimenten aber so oft ist die Umsetzung einfach nicht zufriedenstellend und da tragen nicht nur die Lehrer sondern vor allem die Schüler die Verantwortung für ein gutes Resultat. Ein Grund dafür ist sicher, dass wir, vor allem im zweiten Jahr, eigentlich pausenlos arbeiten könnten, um alles perfekt hinzubekommen. Doch UWC ist so viel mehr als Schule und schlafen muss man irgendwann auch noch. Das heisst, der Schlaf kommt sowieso zu kurz und viele, mich inklusive, sind nicht bereit den grössten Teil ihrer Energie in die Schule zu stecken. So leiden manche Stunden mit so viel Potenzial unter der Krankheit von müden Schülern, die einfach nur das Mindeste machen, um durch zu kommen. Manche Lehrer sind genial und können aus einer schläfrigen Gruppe Jugendlichen leidenschaftliche Diskussionen hervorkitzeln. Denn nicht allzu weit unter dem demotivierten Augenverdrehen um acht Uhr morgens verbirgt sich ein kleines Feuer und wenn man dem nur das richtige Brennmaterial gibt, wird es explosionsartig in Flammen aufgehen. Es gibt Lehrer, die diese Kunst beherrschen und von mir hoch geachtet sind. Es gibt Lehrer die mich mit ihrer Geschichte, Persönlichkeit und ihrer Art zu unterrichten inspirieren. Es gibt Lehrer, mit denen ich eng befreundet bin und über einfach alles reden kann. Und es gibt auch das absolute Gegenteil. Ich verstehe, dass sich jeder Lehrer an den Lehrplan des IBs halten muss und dass es manchmal sehr schwer sein kann, damit etwas Vernünftiges anzufangen. Ich wünschte, es gäbe ein UWC Diplom, das genau die gleiche Anerkennung wie das IB hat. Es ist in Diskussion, doch wenn überhaupt, wird es Jahre dauern, bis so etwas durchkommt. So habe ich mich mit dem IB abgefunden. Mehr oder weniger. Und ich glaube es ist gut, wenn es noch irgendwo diesen kleinen Widerstand gibt, der mich manchmal dazu bewegt, zu versuchen etwas zu verändern auch wenn es nur Papier doppelseitig bedrucken ist. Die Dinge, auf die es mir ankommt, von denen ich wirklich lerne, passieren ausserhalb der Schule. Es sind die Diskussionen mit meinen beiden Roommates, Hannah liberal katholisch und amerikanisch feministisch und Ayesha, die von einer Aerospace engineering Kariere träumt und streng muslimisch ist, über Religion und das Leben. Es ist das tagelange Schneestapfen mit einem Rucksack irgendwo im nirgendwo. Es sind die späten Nachtstunden im Artroom, in denen ich mich in Farben, Formen und Linien verliere. Es sind die flüchtigen Momente. Wenn ich am Morgen den herben Duft von Pinien und der trockenen Wüste rieche. Wenn ich am Nachmittag durch einen Platzregen tanze. Wenn ich am Abend auf der Fensterbank sitze, eine kühle Brise durch das Fenster weht und die Hitze des Tages vertreibt.

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Bis bald…

Letztes Kapitel, erster Teil.

Und wieder einmal ist da dieses schon fast vertraute Gefühl der Panik vor viel zu schnell vergehender Zeit. Wieder naht ein grosser Abschied. Für mich eine harte Schule des ständigen Gehenlassens und öffnen für Neues. Ich bin einen Klumpen Ton. Ich fühle, wie es mich auseinanderzieht, zusammendrückt, formt und dann wieder verformt. Ständig wird neues Wasser hinzugefügt. Hier kann man trotz der heissen Sonne nicht austrocknen und steif werden.

Die Zeit intensiviert sich wieder. Jede Minute wird mit irgendetwas gefüllt. Dieser Ort ist komplexer denn je. Ich bin eingewoben in ein zehn dimensionales Spinnennetz. „Es ist die Wüste“, sagen manche. Der wolkenlose, tiefblaue Himmel, die karge Weite und das violette Nichts am Horizont wenn die Sonne untergeht. Dieses alte Schloss, das schon so viele Menschenseelen beherbergt hat. Ihre Geschichten sind in den Wänden gespeichert und die Zimmer unterschwellig gefüllt mit der Energie von Generationen von Schülern.

Vollkommen unvorbereitet treffen mich kleine Dinge, Details. Sie stimmen mich nachdenklich, vielleicht ein wenig melancholisch, wenn ich sie in meinem Bewusstsein registriere. Ich kenne die Töne, die verschiedene Türen hier machen. Ich weiss genau, wer im Gang lacht, wenn ich in meinem Zimmer bin. Es ist so selbstverständlich in andere Zimmer zu spazieren und wenn niemand dort ist, aus Versehen einzuschlafen. Ich habe mich an den allgegenwärtige Duft von frischgebackenem Bananenbrot in meinem Dorm gewöhnt. Mein Englisch ist mehr oder weniger fliessend geworden. An guten Tagen vergesse ich manchmal, dass ich eine andere Sprache spreche. Es ist so normal in diesem Haufen Jugendlichen zu leben, die alle träumen und die alle desillusioniert zerscherbelte Träume in ihren Händen halten. Wir trösten einander, geben einander Liebe, die wir so dringend brauchen, sind uns komplett anderer Meinung im nächsten Moment und umarmen uns wieder. Es ist viel. Letzte Nacht fand ich mich nach einem tagelangen Höhenflug in einem selten stillen Moment unter dem Sternenhimmel wieder. Ich sah die dünnen Mondsichel über dem Waldrand, hörte die lauten Grillen zirpen und wollte einfach nur noch nach Hause. Gutes Essen essen, kein so vollen Kopf haben und mich nicht jeden Tag durch eine andere unbekannte Tür stürzen und dann mit den Folgen klar kommen müssen. Ich brauche eine Pause davon. Wenn ich New Mexico verlasse, werden alle anderen auch gehen und nur die Hälfte wird zurück kommen. Das Lachen der Second years während dem Nachtessen wird fehlen. Stimmen, die ich noch nicht kenne werden es ersetzen. Ich bin sicher, Stimmen von anderen grossartigen Menschen. Doch oft fällt es schwer offen zu bleiben. So, wie ich nach Hause gehen will, würde ich gleichzeitig am liebsten die Zeit anhalten… Leider und zum Glück ist es die Vergänglichkeit, die Momente so kostbar macht.

Ich bin gespalten, in jeder Hinsicht…

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Drei Wochen später

Jetzt sitze ich schon zum vierten Mal alleine hier für 10 Stunden in der trocken und kalten Flugzeugluft, in diesem Sitz, der nach 3 Stunden einfach irgendwie immer ungemütlich ist. Es geht mir schon viel besser als beim ersten Mal und ich habe nicht mehr bei jeder kleinen Turbulenz einen Herzstillstand. Ob ich aber meinen Kopf so weit von den Geräuschen des Fluges ablenken kann und es hinkriege etwas blogbares zu schreiben, bleibt ein Experiment. Nun, ich versuchs.

Nachdem ich die letzten sechs Wochen meines ersten Jahres am UWC USA mit den Füssen nur halb am Boden durch die verrücktesten Turbulenzen und stillsten Flauten flog, befinde ich mich nun in einem Vakuum (obwohl ich tatsächlich fliege). Ich habe so viele Geschichten zu erzählen. Doch ich sitze im Flugzeug und kann fast fühlen, wie mit jeder Minute wieder einige Meilen Distanz zu allem Erlebten hinzukommen. Ich sehe meine Erinnerungen als grosse aufgetürmte Wolkenschlösser vorbeigleiten, kann jedoch nicht erkennen, wovon sie handeln und finde auch keinen Zugang. Ich befinde mich zwischen meinen zwei Welten. Habe die Verbindung zum Boden komplett verloren, gezwungenermassen, und somit auch die Verbindung zu einem definierten Ich. Für eine Identität  braucht man ein Umfeld,  Menschen, in denen man sich spiegeln kann. Menschen, mit denen man sich “verspinnnetzt“. Nach einem Jahr an einem UWC, weiss ich, wer ich dort bin. Ich bin nicht mehr dieselbe, wie vor zehn Monaten. Es macht mir ein wenig Angst, für so lange Zeit nach Hause zu gehen. Kann ich dasselbe “Ich“ wie am UWC sein? Muss ich mir einen neuen Platz in den Köpfen der Menschen erkämpfen? Und gleichzeitig freue ich mich unglaublich in ein paar Stunden meine Familie in die Arme schliessen zu können.

Jetzt bin ich zu Hause. Seit fünf Tagen. Ich habe vergessen, wie es ist ein eigenes Zimmer zu haben. Ich war erstaunt über die satten frischen Farben des Gemüse auf meinem Teller. Schweizerdeutsch verknotet mir ab und zu die Zunge. Es bereitet mir Mühe still zu sitzen und einfach mal nichts zu tun. Doch es tut unendlich gut einfach hier zu sein. Ich habe unbewusst mehr vermisst als bewusst in meinem letzten Semester. Es tut gut Menschen um mich zu haben, die ich schon so lange kenne. Sie nehmen mich auf, als wäre nichts gewesen. Als hätten wir uns gestern das letzte Mal gesehen. Ich hole meinen Schlaf nach und baue mir in Wachzeiten langsam wieder ein Umfeld auf, in dem man seine langen Sommerferien verbringen kann. Ohne Langeweile 😉

Ich werde nicht zu lange darüber schreiben, doch ich möchte es doch auch noch erwähnen. Meine 12 tägige Wilderness Leadership Expedition. Direkt nach Graduation sind 40 Outdoor Begeisterte Schüler mit Rucksack und Schlafsack für 12 Tage in die Wildnis aufgebrochen. Wir hatten drei Gruppen, die in der gleichen Region alle eine andere Route wanderten. Meine Gruppe erwischte den mit Abstand schwierigsten Trail. Das heisst, wenn wir dann einen Trail hatten. Fünf Tage mit eiskalten und nassen Füssen durch hüfthohen Schnee stapfen hat an den Kräften und vor allem Nerven der ganzen Gruppe gezehrt. Doch nach diesen ersten schwierigen Tagen wurde es besser. Wir haben unsere Füsse in der Sonne aufgetaut, gutes Essen gekocht, Geschichten an einem Lagerfeuer erzählt, unter dem freien Nachthimmel geschlafen, Blumen bewundert und lange Diskussionen über Atombomben, Religion und die wahre Liebe geführt. Alle Elche (ja, in New Mexico gibt es Elche) um uns herum hatten eine gratis Portion UWC Intellekt vom Feinsten geschenkt oder vielleicht eher aufgezuwungen bekommen. Es hat etwas sehr Natürliches mit ein paar wenigen sehr vertrauten Menschen ein so einfaches Leben in der Wildnis zu leben. Der erste Kontakt mit der Zivilisation nach 12 Tagen war überwältigend und ist schwer zu beschreiben. Alles Menschen geschaffene war verwirrend und komisch und mein Körper brauchte fast einen ganzen Tag, um sich wieder komplett wohl zu fühlen in der Menschenwelt. Diese Erfahrung in der Wildnis zählt zu den absoluten Highlights, die ich bis jetzt am UWC erleben durfte.

Man muss sich nur einmal in die karge, trockene und gleichzeitig grüne und reiche Natur und Weite von New Mexico verlieben und es lässt einen nicht mehr los.

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Mein erstes Jahr ist vorbei. Es war ein grandioses Jahr und ich freue mich schon jetzt, in knapp zwei Monaten zurück ins Chaos zu stürzen, wieder neue Menschen kennen zu lernen und Neues zu erleben.

Ich möchte allen Freunden, Bekannten und Verwandten, die diesen Blog lesen und mich in diesem Jahr durch Nachrichten von zu Hause oder Rückmeldungen zu meinem Geschriebenen unterstützt haben, danke sagen. Ich freue mich immer unglaublich über Lebenszeichen von hier, sei es eine kurze Nachricht oder ein langes Mail (Natürlich sind Briefe unübertreffbar, falls mir jemand eine ganz grosse Freude machen will. Ich schicke auch allen, die mir einen Brief schicken, einen zurück! Falls du meine Adresse möchtest, melde dich bei mir!) und ich versuche auch allen sonst über Mail oder Facebook zu antworten. Nur dauert es manchmal etwas länger…

Und auch hier melde ich mich bald wieder 🙂

 

The sound of silence

IMAG2003Dieser Blogeintrag ist eine Sammlung verschiedener Erlebnissen, Momentaufnahmen und Kurzgeschichten, die in den letzten Wochen entstanden sind.

Ich habe sie wieder gefunden an einem Ort, an dem mich viele Meilen von der Zivilisation trennten. In einem Canyon, zwischen hohen Sandsteinen in allen Rottönen und dem tief blauen Himmel von New Mexico. An einem stillen brauen Fluss, dessen Oberfläche sich im Wind kräuselte und das Licht der Sonne metallisch reflektierte. Genau wie man die Intensität von Dingen, die man nicht mehr hat, mit der Zeit vergisst, habe ich vergessen wie Stille klingt. Eine alte Freundin, Verbündete und Geliebte hat mich in ihre Arme genommen, getröstet und mit klaren frischen Gedanken wieder gehen lassen.

Sie gehört zur Natur, wie jedes Lebewesen. Würde man nicht tausend Schichten Lärm darüber legen, würde man sie nur lassen, sie würde ihren reinen, unberührten und heilenden Klang weit verbreiten.

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Meine Projektwoche habe ich mit zwei Lehrern und einer kleinen Gruppe firsties (Alaska, China, Japan) in zwei verschiedenen Kloster von New Mexico verbracht. Ja, Kloster… Vor einem halben Jahr hätte ich noch die Nase gerümpft bei dem Gedanken eine Woche freiwillig in Klostern zu verbringen. Tja, die Zeiten haben sich geändert. Diese Woche war vielleicht eine meiner speziellsten Erfahrungen, die ich hier am UWC bisher machen durfte. Ich hatte noch nie einen so intensiven Einblick in die christliche Religion, überhaupt in irgendeine Religion. Der Kontrast zwischen dem UWC Alltag und dem stillen, konservativen und strickten Leben der Benediktiner Mönchen könnte nicht grösser sein. Sie kommen aus aller Welt, um sich weit weg von jeglicher Zivilisation im Chama Canyon in einer kleinen Gemeinschaft gleichgesinnter auf die Suche nach Gott zu begeben. Um vier Uhr morgens beginnt die erste Kirchenmesse und um halb acht abends endet die letzte mit dem Duft von Weihrauch und einem langen gesungenem Gebet. Der Ablauf des Tages ist strickt festgelegt. Jede Stunde hat ihren Sinn. Freizeit haben die Mönche kaum. Sie leben einfach, ohne eigenes Geld, ohne grossen Besitz, minimalem Zugang zum Internet und seltener Kontakt zur Aussenwelt. Der Jüngste von ihnen ist 21 Jahre alt und hat sich mit 19 entschieden, sein Leben in dem „christ of the desert“ Kloster zu verbringen. Nach der Sonntagsmesse wurde uns das einzige Mal erlaubt, mit den Mönchen zu sprechen. Ich stellte viele Fragen und hörte gespannt und so offen ich konnte in eine Welt hinein, die meinen Vorstellungen und Ansichten so sehr widerspricht. Doch als wir nach vier Tagen diese isolierte Gemeinschaft verliessen, hatte ich eine wage Ahnung davon, was einen Mensch zu dieser Lebensform bewegen vermag. Viele Gedanken und Gespräche über die christliche Religion, Buddhismus und Spiritualität in diesen vier Tagen haben mir Sicherheit gegeben. Ich bin mit dem was ich glaube und nicht glaube auf einem Weg, der richtig für mich ist.

Das zweite Kloster, das wir besuchten ist nicht besonders erwähnenswert. Es war so ziemlich das Gegenteil von „christ in the desert“. Eine spirituelle Atmosphäre gab es nicht, es fühlte sich eher wie ein gewöhnliches Hotel an. Wir waren kaum in den Alltag der Mönche dort eingebunden und auch die Umgebung war nicht sehr ansprechend. Sicher war es interessant den Unterschied verschiedener Klostern zu sehen, doch in meiner Erinnerung wird das einsame Kloster im stillen Canyon bleiben.

IMAG1989Vier weisse Wände umgeben ein Pult, eine Leselampe, einen Stuhl dazu, ein Bett, ein kleines hölzernes Jesuskreuz und mich. Nur das hintergründig rauschende Geräusch des Ofens und das Kratzen meines Stiftes auf Papier füllt den kleinen Raum. Ich bin alleine. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Es gibt keine Elektronik, Menschen oder Ereignisse, hinter denen ich mich vor meinen Gedanken verstecken kann. Ich bin mir selbst ausgeliefert und fühle mich viele Jahre zurückgeworfen, in eine Zeit, als ich zum ersten Mal bei Freunden übernachtete und nicht schlafen konnte weil ich nicht im eigenen wohlig warmen Bett lag. Jetzt sitze ich irgendwo im Nirgendwo, auf einem anderen Kontinent unendlich weit von meinem eigenen Bett entfernt und habe zum ersten Mal seit vielen Wochen wieder Heimweh.

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Ein Gemisch von verschiedenen Sinneswahrnehmungen durchsickert meinen Körper. Auf der Suche nach Metaphern dafür dreht sich mein Gehirn, suchend wie eine verwirrte Kompassnadel. Dinge, die ich will und Dinge, die ich vielleicht möchte, treffen mal hier mal da auf Dinge, die wirklich passieren. Erschaffen durch Vorlieben, seichten Leidenschaften, Meinungen, die nur in meinem Kopf existieren und der Hoffnung auf einen Hinweis. Ich kann denken so viel ich will, folge aber dann doch nur dem, was offensichtlich ist. Der Leim, den ich benutze hält nicht, verrottet und ein Vorhaben fällt einfach wieder ab. Ich müsste mit Nadel und Faden dahinter, doch dies bedeutet Schmerz. Schmerz macht meinen Körper schwach. Ich fühle mich wie ein kleines Kind, das die Verbindung zum Herzschlag eines anderen Menschen braucht. Doch das kann ich mir nicht leisten.

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It’s still me

Underneath of what I want to be

Underneath of what I’m supposed to be

Underneath of what I’m not, it’s still me

Es ist vergraben. Manchmal betäubt. Lässt sich nicht blicken, wenn ich’s am dringendsten brauche. Verschleiert, unscharf, flüchtig, eine Farbe nah an der Unsichtbarkeit. Die Augen zusammenzukneifen lässt es verschwinden. Ein gejagter Schatten. Ein vorbeihuschendes Gefühl.

Nur wenn ich stehen bleibe. Die letzten Beweise, dass es vielleicht doch existieren könnte hinter dem Horizont verschwinden sehe.

Mich hinsetze, warte. Geduld. Lange.

Kommt es zurück.

Überstrahlt für einen Moment alles andere. Und verschwindet wieder.

Doch hinterlässt einen Moment der Gewissheit.

 

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Mango im Morgengrauen

Eigentlich braucht es gar nicht mehr als ein Einmachglas mit frischer Mango, zwei Gabeln, chinesische Stäbchen und dampfender Chai Tee mit Honig, um aus einem nebligen Märzgmorgen ein Symphonie der Sinne zu erschaffen.

Als wir an im Dunkeln die Eingangshalle des Schlosses verliessen, rieselte Schnee aus dem dicken Nebel, der die Hügel von Montezuma einhüllte. Die kalte Nachtstille lag über dem ganzen Campus, Stunden bevor die ersten Frühaufsteher aufwachten.  Der Strahl einer Taschenlampe beleuchtete den schmalen Trail durch den Wald. Als das Morgengrauen sich langsam durch den Nebel kämpfte, wurden die weissen vereisten Nadeln der Tannen sichtbar. Wir waren aufgestanden um die glutrote Sonne am Horizont aufgehen zu sehen, doch durch die dicke weisse Suppe drangen nur die wenigen milchig gelben Lichter von Las Vegas. Wir hatten unglaubliches Glück und erlebten eine sehr seltene Morgenstimmung an diesem Ort hier. Graues sanftes Licht breitete sich über den bewaldeten Hügeln aus, während sich drei Menschen aus den verschiedensten Ecken der Welt Mango und Tee teilten.

Vielleicht fange ich an, mich ein ganz klein wenig in diesen Ort, der mir immer wieder solche Momente schenkt, zu verlieben.

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Elefanten

Vor langer Zeit existierte irgendwo im Universum ein Stern. Millionen Jahre bevor es die frühsten Formen des Lebens auf der Erde gab, ist er gestorben. Doch sein Licht reist noch durch den Weltraum. Es wird unsere Erde nicht erreichen, bis die Menschen ausgestorben sind. Unsere Augen werden nie Zeugen des Augenblickes sein, wenn das reine weisse Licht des Sterns als kleinen Punkt in unserem Nachthimmel erscheint. Wir werden nie sehen, wie all die Elefanten, die mit dem Licht reisten, auf der Erdoberfläche landen. Unsere Körper werden nie fühlen, wie die Erde erzittert, wenn die Elefanten sich alle gleichzeitig anfangen zu bewegen und in demselben Rhythmus einen riesigen Elefantenfuss vor den anderen setzen. Wir werden alle tot sein, wenn die Elefanten durch unsere Ozeane schwimmen und sich im Schatten der Himalaya zur Ruhe legen. Wir werden nicht die Schönheit der Geburt des ersten Babyelefanten auf Erde erleben. Und ich glaube es ist gut so.

-Jeden Sonntag Abend trifft sich eine kleine Gruppe inspirierende Individuen im Castle um Tee und Worte zu teilen. Elefanten und It’s still me sind dort entstanden.

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Langsam merkt man, wie sich die Zeit anfängt zu verdichten. Es verbleiben noch ein paar wenige Wochen bis die second years diesen Ort verlassen. Noch denkt niemand zu genau darüber nach aber manchmal gibt es das eine oder andere bestürzte Gesicht, wenn sich eine Diskussion beim Abendessen in Richtung Graduation und neue firsties bewegt. Ich versuche nicht zu viel voraus zu denken und zwischen den Bergen von Aufsätzen, Hausaufgaben und Tests, so viel wie möglich mit den Menschen zu erleben, die mir ans Herz gewachsen sind.

An alle Wartenden

Die Zeit vergeht leise, ohne sich gross bemerkbar zu machen. Die Tage gleiten dahin wie kleine Wellen, die sich in einem ganz eigenen Rhythmus am Strand ausbreiten und wieder zurückziehen. Mir geht es gut. Zwischen Phasen der Verwirrung und Entwirrung finde ich immer wieder zu einem zufriedenen ruhigen selbst. Die Geschwindigkeit von Veränderungen macht mir keine Angst mehr. Vielmehr trage ich nun aktiv zu einer Beschleunigung bei, wenn es mir zu langsam geht oder zu geradelinig verläuft.

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Vor genau einem Jahr, nach einem nerven zehrenden Bewerbungsprozess, bekam ich den Bescheid, das ich für UWC USA nominiert bin. Vor einem Jahr hat ein kurzer intensiver Abschnitt meines Lebens  voller Aufregung, Unsicherheit und Zweifel angefangen. Ich habe jeden Blog gelesen, den ich finden konnte. Jede nur so kleine Information, die ich bekommen konnte wurde von meinem Kopf sofort verarbeitet und bewertet. Ich versuchte mir aus all den verwirrenden Worten ein Bild davon zu machen, auf was ich mich einlasse. Wenn ich auf Dinge stiess, die mir nicht gefielen oder die UWC irgendwie negativ darstellten, hatte ich für Tage Zweifel, ob es wohl wirklich das Richtige für mich ist. Meine Abenteuerlust verkrümelte sich in ein kleines Eckchen, bis mich eine Überdosis des UWC Spirit Videos wieder ein bisschen zuversichtlich stimmte. Es war ein riesig grosser Schritt für mich, alles Vertraute loszulassen und Momente der kompletten mentalen Überforderung waren nicht selten. Ich glaube ich war nicht die einzige, der es so ging und auch dieses Jahr gehen wieder viele junge Menschen durch denselben Prozess. Falls du diesen Blog liest, und vor kurzem erfahren hast, das UWC die nächsten zwei Jahre deines Lebens bestimmen wird: dieser Eintrag ist dir gewidmet.

Auch in einem Moment der kompletten Verwirrung ist die Antwort noch irgendwo zu finden

Wenn ich mich verschliesse, kann ich sie nicht sehen

Wenn ich mache, was die Vergangenheit sagt, kann ich sie nicht fühlen

Alles, was ich brauche ist eine Verbindung zu mir selber

Und ein bisschen Vertrauen ins Ungewisse

Meine grössten Sorgen in den wenigen Monaten zwischen mir und UWC waren Englisch und das es zu viel ist und ich es aus irgendeinem Grund nicht schaffen könnte.

Als ich hier ankam, gesellten sich zu diesen Sorgen noch ganz andere Dinge. Es war nicht das, was ich mich vorgestellt habe. Es war nicht wie im UWC Spirit Video. Ich konnte mich nur knapp mit den Leuten verständigen, fand nie das richtige Wort und war fast durchgehend überfordert auch wenn es sich nicht so anfühlte weil ich es nie wirklich zugeben wollte. Ich sah all die anderen um mich herum, die sich so viel wohler zu fühlen schienen und sich schneller einlebten. Doch je besser ich mich verständigen konnte, desto tiefer wurden Gespräche und ich merkte schnell, dass sich fast alle in der gleichen Situation befanden. Alle Firsties versuchten dem sozialen Druck so gut es geht stand zu halten und sich irgendwie zurechtzufinden. Glaubt mir, wenn ich so genau gewusst hätte, was mich hier erwartet, ich hätte wahrscheinlich nicht den Mut gehabt, zu kommen. So ist es doch ein Glück nicht zu wissen, wie kalt das Wasser ist, in das man springt. An diesem Ort wächst man zusammen mit der Zeit und den Veränderungen. Was gestern noch unmöglich schien, ist heute schon geschafft und kein Problem mehr.

Meine beiden grössten Sorgen haben sich mit der Zeit in Luft aufgelöst. Mein Englisch ist fliessend und ich habe (fast) keine Schwierigkeiten mehr alle möglichen Akzente und Dialekte zu verstehen. Zwar gibt es immer noch Momente, in denen alles zu viel ist aber wenn ich mich nur offen halte, gibt es für jedes Problem mindestens zehn verschiedene Lösungen.

Dieser Ort lässt einem uneingeschränkt wachsen, wenn man sich dafür entscheidet. Was in der Vergangenheit passiert ist, beeinflusst hier nicht, wie andere dich sehen. Einzig zählt, wie du im Moment bist und so wirst du aufgenommen. In dieser Uneingeschränktheit entwickeln sich grobe Skizzen einer Persönlichkeit zu einzigartigen Kunstwerken.

Darum wünsche ich euch Wartenden viel Kraft und Energie, um diese nervenaufwendige Zeit die zwischen euch und UWC steht, gut zu überstehen! Denn es lohnt sich…

Und vielleicht lerne ich einige von euch ja bald kennen…