Between snowflakes and two hundred familiar faces

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Freundschaften, die sich jeden Tag verändern 

Worte, Geschichten und Stimmen, die berühren

Gedanken, die sich frei in jede mögliche Richtung bewegen 

 

Tja… Und dann waren die Ferien vorbei und ich innerhalb von Stunden wieder von der einen in die andere Welt katapultiert. Das ganze Herumgereise war nicht mehr ganz so schlimm wie beim ersten Mal, Immigration war mühsam aber zu bewältigen und sowieso hat mich dieses ganze Drama nicht mehr so mitgenommen. Aber auch wenn ich mich viel sicherer fühlte als auch schon, konnte mich nichts auf den Hammerschlag vorbereiten. Es traf mich, als ich die Lichter des Schlosses auf dem Hügel sah. Alles, was zu Hause ein bisschen vergessen ging oder in den hinteren Teil meines Kopfes rutschte, war mit einem Schlag zurück. Ein wenig überwältigend und völlig übermüdet fand ich mich wenige Minuten später auf dem Boden meines merkwürdig vertrauten aber irgendwie auch fremden Zimmers neben meinem Koffer liegend wieder. In Watte gepackte Gedanken kamen und gingen langsam, ohne irgendeinen Eindruck zu hinterlassen. Ein Klopfen an der Tür und ein sehr vertrautes Gesicht riss mich aus meinem apathischen Zustand und bestätigte mit einem Grinsen, das es wirklich so weird war wie ich mich fühlte.

Die Menschen wieder zu sehen, mit denen ich die letzten vier Monate gelebt habe, war auf eine Weise aufregend aber auch anstrengend. Eigentlich waren die ersten drei Tage schrecklich. Der ganze Wirbel und die vielen Überstürzten Umarmungen gefielen mir nicht so und liessen meinen Kopf immer wieder wattig werden. Ich verbrachte viel Zeit alleine in meinem Zimmer, denn meine Roommate kam vier Tage später als ich. Ich sass am Fenster, hörte Musik und hatte viel Selbstmitleid. Wenn ich nicht im Zimmer war, lief ich durch den Wald und hing melancholischen Gedanken nach. Das mag vielleicht wirklich schrecklich und depressiv klingen aber ich glaube, diese kurze Phase des Elends krempelte mich komplett um, ohne dass ich es merkte.

An meinem vierten Tag betrat ich zum ersten Mal die Cafeteria und lächelte, als ich an einem Mädchen mit einem Lachanfall vorbei ging. Ich lächelte nicht, weil es mich amüsierte, sondern weil ich endlich meinen Frieden mit diesem Ort geschlossen hatte.

Seit diesem Wendepunkt sind nun schon wieder einige Wochen vergangen. Vielleicht sind es die Freundschaften, die ich geschlossen habe, die ich jetzt plötzlich in einem anderen Licht sehe, vielleicht ist es auch dieser schwer zu begreifende Ort, den ich langsam zu verstehen und lieben lerne. Ich verstehe langsam wie wertvoll das alles ist und wie viel mir geschenkt wird. Ich habe mich noch nie so wohl gefühlt hier, wie jetzt. Ich bin ein Teil von dieser Gemeinschaft, ich fühle mich lebendig und irgendwie frei. Ich habe gelernt, das es vollkommen in Ordnung ist, vom Einrad zu fallen und dann tagelang die Balance zu verlieren. Man würde ja nichts mehr lernen, wenn das nicht passieren würde…

Doch… Je tiefer ich in diese Welt hier tauche und mich in ihr verliere, desto mehr scheint sich mein zu Hause von mir zu entfernen. Es überkommt mich ein bisschen Wehmut und Traurigkeit, wenn ich mein altes Leben in der Ferne verschwinden sehe und es stellen sich viele schwierige Fragen, die ich aber jetzt noch nicht beantworten möchte.

Eine Pause zum Denken und Nichtdenken

Viele von euch konnte ich nach vier Monaten wieder in die Arme schliessen. So viele vertraute und geliebte Gesichter habe ich in den letzten Tagen wider gesehen. Mit euren Stimmen und Gerüchen habt ihr mich innerhalb von wenigen Tagen wieder komplett nach Hause geholt. Ich bin mit meinem ganzen Körper, mit meinen Gedanken und meiner Seele hier und es tut gut. Im Sommer wusste ich zwar Monate vorher, das ich gehen würde und doch hat sich der Abschied abrupt angefühlt. Euch jetzt alle noch einmal zu sehen, ist wie eine Vergewisserung, dass es in Ordnung ist, zu gehen und fort von zu Hause zu sein.

Eigentlich wollte ich aber über etwas anderes schreiben. Früher oder später fällt ein Gespräch hier zu Hause auf meinen Blog. Ich habe auch schon einige Mails mit Rückmeldungen zu meinem Geschriebenen hier bekommen (und mich immer sehr darüber gefreut!!!). Wie meine Leser diesen Blog interpretieren ist sehr interessant. Ich weiss, dass er viel Möglichkeit lässt, zwischen den Zeilen zu lesen und sich alles Mögliche vorzustellen. Manchmal vielleicht sogar etwas zu viel und darum habe ich das Gefühl, dass ich an dieser Stelle jetzt einiges klar stellen muss.

UWC ist kein Paradies. Es gibt nirgends auf der Welt einen Ort, der auch nur annähernd perfekt ist. Es läuft nicht immer gut. Immer mal wider passieren Dinge, mit denen ich nicht einverstanden bin oder es tauchen schwer lösbare Probleme auf, die mich verzweifeln lassen. Ich sehe den Sinn davon nicht, wenn ich mitten drin stecke, doch oft sind es diese schwierigen Zeiten, von denen ich am meisten lerne. Nach jedem Tief kommt auch wieder Hoch und jedes Hoch bringt das Gute, das Glück und die Magie zurück. Das Leben am UWC ist dicht, gefüllt bis zum Überlaufen und oft anstrengend. Man muss seinen Weg durch dieses Chaos von Emotionen, Menschen, Geschichten und Problemen finden. Das gelingt vielleicht nicht jedem auf Anhieb. Zumindest mir fällt es manchmal sehr schwer mich einfach mit den Dingen, die passieren, abzufinden, denn kontrollieren kann ich sie an diesem Ort kaum.

Doch das wird für jeden, der ein UWC besucht, ganz anders aussehen.

In meinem ersten Semester habe ich, vor allem in den letzten zwei Monaten langsam eine Balance gefunden. Es ist wie wenn man Einrad fahren lernt. Zuerst müht man sich erfolglos und dann langsam kann man immer längere Strecken fahren, ohne umzukippen. Und wenn man es einmal im Leben gelernt hat, verlernt man es auch nicht wieder. Darum ist es nichts Schlechtes, wenn manchmal einfach gar nichts zu klappen scheint.

Die Winterferien zu Hause waren, obwohl sehr kurz, genau das Richtige. Ich brauchte diese Pause unbedingt. Man kann nicht stundenlang Einrad fahren lernen. Irgendwann ist man müde und erschöpft und überglücklich wenn man stundenlang am Boden liegen und Katzen streicheln kann… Mein zu Hause gab mir viel Energie zurück und mit dieser werde ich wieder etwas frischer in das zweite Semester starten.

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Schwarz-Weisse Winterlandschaft

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Der Schnee, die tausenden, millionen weisse Flöckchen, die wie aus dem Nichts vom Himmel gefallen sind, haben alles verändert.

Der Winter hat den ganzen Campus über Nacht eingehüllt. Plötzlich fühlt es sich so viel mehr nach zu Hause an. Die kalte wohltuende Stille, die glasklare Luft, in der man den Schnee riechen kann, ein einsamer Vogelruf und das vertraute Knirschen. Eine schwarz-weisse Welt.

Die ganze Stimmung hat sich verändert. Statt sich am Morgen nach dem Aufstehen direkt an den Schreibtisch zu setzen und für Exams zu lernen, strömten sie in Scharen nach draussen. Das Lachen war über den ganzen Campus zu hören. Für einige war es der erste Schnee im Leben. Ungläubig starrten sie auf ihre Füsse: „Bei jedem Schritt den ich mache, sinke ich da ein!“

Mit dem Schnee hat mich auch die Adventsstimmung endlich erreicht. Aber der Duft von Weihnachtsgutzli, der Schnee, die Weihnachtssterne am Fenster und Orangen lassen mich mein zu Hause und meine Familie mehr vermissen denn je.

Es ist ein unglaubliches Privileg, das ich über Weihnachten zwei Wochen nach Hause kann. Für einige ist die Reise zu lang und zu teuer.

 

 

Kaffee, um wach zu bleiben und Santa Fe

END (European National Day Show)

Der European National Day fand dieses Jahr als erster der sechs Region Days (NAD-North America, CLAD-Carribean/Latin America, FEND-Far East Asia, AND-Africa, MIND-Middle East/India) statt. Nachdem ich als ein Backdropleader für die END Show gewählt wurde, war ich einen ganzen November lang beschäftigt. Mit einem Second-year (aus Sardinien!) war ich für die Planung, Organisation und Umsetzung des Bühnenbildes zuständig. Die Mischung aus italienischem und Schweizer Zeitmanagement war sehr interessant und manchmal ein klein wenig mühsam. Wir haben zwar vier Wochen vor der Aufführung angefangen zu skizzieren und Ideen zu sammeln, doch bei dem ist es dann geblieben. Zwei Wochen später hat die Schweizer Uhr in meinen Ohren sehr laut getickt. (Und ich stellte einmal mehr fest, dass es italienische Uhren nicht gibt…) Die Woche vor END musste alle meine Freizeit daran glauben. Mein Kaffeekonsum stieg gefährlich in die Höhe, da es ja auch noch Hausaufgaben zu erledigen gab um 2 Uhr morgens. Vor und nach all den scheinbar endlosen Proben für die Show hat das Bühnenbild langsam Form angenommen. Zu langsam (für Schweizer Geschmack). Doch wir wurden fertig und die Farbe war zum Beginn der Show trocken (in vergangenen Shows ist es auch schon vorgekommen, dass sie noch nass war). Der ganze END Event bestand aus einem Global Issue Abend am Freitag, wo verschiedene Vorträge von Schülern über die Problemchen von Europa gehalten wurde, der Show über die Kultur von Europa am Samstagabend und einer europäischen Party für die Schüler zum Abschluss. Nachdem die Tech-Crew den Anfang der Show total vermasselt hat, ist alles gut gegangen und wir Europäer konnten das internationale Publikum mit Abba, europäischen Manieren, skandinavischem Humor, Gesang und einem Wiener Walzer begeistern.

Für Neugierige: Die ganze Show wurde aufgenommen: http://livestream.com/uwc-usa/end2015 (leider ist die Tonqualität schrecklich…)

Über den Backdrop: Die Silhouette von Europa repräsentiert die mythologischen Namensgeberin und Vorfahrin von allen Europäern. Europas Profil ist aus einer Collage von Fotos, die Landschaften, Essen, Architektur, Berühmtheiten und Geschichte von Europa zeigen, zusammengesetzt. Der Hintergrund besteht aus einer Zeitungscollage mit Zeitungen in allen Sprachen, die in Europa gesprochen werden und aktuellen News. Das Blau repräsentiert das europäische Blau und steht für die Vereinigung (die goldenen Sterne haben wir für die Schweiz, Norwegen, Albanien und Russland weggelassen 🙂 ) Das ganze wird von einem klassischen Goldrahmen eingefasst.

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Thanksgiving in Santa Fe

Nach all dem Stress und viel zu wenig Schlaf, gab es endlich eine Verschnaufpause. Thanksgiving, Gott sei Dank. Nach den endlos langen Tagen, an denen ich keine einzige Minute für mich hatte und das Treppensteigen zwischen dem Castle und lower-Campus schon fast eine Erholung war, waren die ersten freien Minuten unendlich befreiend.

Auf dem Weg nach Santa Fe, während ich den Campus hinter mir liess und für eine Stunde mit den Augen der vorbeiziehenden Landschaft folgte, stumm das dunkle Wolkenspiel betrachtete und die Gedanken schweifen liess, entspannte sich mein verknoteter und verkrampften Körper.

Die vier Tage über Thanksgiving verbrachte ich in einem traditionellen Lehmhaus in Santa Fe, zwanzig Gehminuten vom Zentrum der Stadt entfernt. Die Einladung an diesen wunderschönen Ort habe ich einer guten Freundin Molly (Alaska) und ihrer Mutter zu verdanken. Santa Fe ist die Hauptstadt von New Mexico und gleichzeitig die älteste Hauptstadt in den USA.  Um 1100 begannen die Pueblos, ein Stamm von Native Americans, der im Gebiet des heutige New Mexico zu Hause war, ein kleines Dorf aus Lehmhäuser zu bauen. 1600 wurde das Gebiet kolonisiert. Bald darauf wurde das Dorf von Spanier eingenommen und auf den langen Namen La Villa Real de la Santa Fe de San Francisco de Asís getauft. Heute ist die kleine Stadt weltbekannt für ihre kleinen gelb-orangen Lehmhäuser. Es gibt keine Wolkenkratzer und lärmige vierspurige Strassen. Dafür gibt es Kunst. Eine ganze Strasse lang reiht sich Kunstgalerie an Kunstgalerie. Jede hat ihre ganz eigene Einrichtung und Atmosphäre. Jede Tür, die man öffnet, hält eine neue Welt dahinter bereit. Manchmal klingelt ein kleines Glöckchen wenn man eintritt und der glänzend lackierte Holzboden knarrt. Manchmal ist es der warme Duft von Zimt und Farbe oder ein klarer, sauberer, weisser Geruch, der die Besucher umhüllt. Nicht alle ausgestellte Kunst ist qualitativ hochwertig aber oft findet man sich in richtigen Schatzkammern wieder, in denen man ewig verträumt Kunstwerke und Skulpturen betrachten könnte.

Santa Fe war Inspiration und Wärme für Körper und Seele. Es gab Essen mit frischem Gemüse und vielen Gewürzen, das meine Geschmackssinne aus ihrem Winterschlaf aufgeweckt hat. Wir haben ein kleines Teahouse in einer verwinkelten Gasse zwischen zwei Kunstgalerien entdeckt, das über 100 verschiedene Teesorten auf der handgeschriebenen Karte hatte. Fast jeden Tag sass ich dort mit Molly an dem kleinen Tisch am Fenster. Manchmal diskutierten wir über Kunst, über Schnecken und über den Sinn, der das Leben machen sollte aber nicht tut. Manchmal betrachteten wir auch nur die kleinen Spiralen des Dampfes von unseren Tees in den letzten Strahlen der Abendsonne. Wenn es dunkel wurde liefen wir durch die Strassen der Stadt und genossen die vielen Lichter und die vielen Menschen, die wir nicht kannten, assen Kürbiseis und lachten. Es tat einfach nur gut all diese Dinge zu sehen und zu tun, die uns in der Seifenblase des Campus verwehrt bleiben. Wir füllten unsere Batterien für die verbleibenden drei Wochen vor den Winterferien und die Final Exams.

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Es geht nicht mehr lange und dann komme ich zurück nach Hause! Ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie sehr ich mich darauf freue, euch alle wiederzusehen!! 🙂 Nicht mehr lange…

fliegen und fallen

Finde ich Worte? Vielleicht…auch nicht. Aber ich werde es versuchen. Teilen tut manchmal gut.

Ein Fluss in einer Glaskugel und ein kleines Stück Tannenholz das darin schwimmt. Vom Wasser und den Steinen wird es geformt. Es gleitet vorbei an Feldern, Dörfer und Städten, ohne es wirklich zu merken, ohne wirklich zu sehen. Nacht und Tag. Die Bedeutung von Gewohnheiten und Alltag hat sich im Fluss aufgelöst. Zwischen all den Dingen, die gar nicht alle zusammen auf einmal gesehen und verarbeitet werden können, bleibt der Blick an den Speichen eines Fahrrades oder an der Zuckerverzierung eines Cupcakes hängen. Am liebsten unendlich lange schauen und staunen. Die Schönheit in jedem Detail geniessen.

Aber dann kommt der Wasserfall, reisst in die Tiefe, ertränkt Illusionen und Wärme. Wieder auftauchen, nach Luft schnappen und von vorne beginnen.

Aber was ist denn Wirklichkeit?

Manchmal stehe ich auf einem Hügel und blicke über den Campus. Manchmal ist es sonnig und ich sehe weit, bis zum staubigen Horizont. Manchmal ist es neblig und es sind nur die Umrisse des Schlosses zu erkennen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich kann im schrecklichsten Wetter so weit auf den Hügel steigen wie ich will, das Schloss wird nicht aus meinem Blickfeld verschwinden. Ich lebe in dieser komischen Glaskugel. Jeden Tag mit denselben Menschen in derselben Umgebung. Hier scheinen die Emotionen von der Glaswand reflektiert. Ärger, Schmerz und Glück verflüchtigt sich nicht einfach in die Luft. Sie vermischen sich zu einer Suppe, in der man jeden Tag lebt. Es ist wie ein zu schweres Parfüm. Und manchmal kann ich den Geruch einfach nicht mehr ertragen.

Es gibt Momente, in denen sich ein ganz spezieller Geruch aus dem Parfüm herauskristallisiert. Sekunden und Stunden, die ich so intensiv und bewusst erlebe, das es surreal und zugleich wirklicher als alles andere wirkt.

Die kleinen Regentropfen auf schwarzem Haar

Milchstrasse und Tränen in den Augen vom Lachen

Umarmung voller Schmerz und Leid

Die Wärme unter der Bettdecke und die nebelverhangenen Hügel vor dem Fenster

Momente in denen ich in diesen (…) Fluss eintauche und unter Wasser atmen kann. So viel Liebe, das sie fast fassbar ist. So viel Bewunderung.

Momente in denen ich glaube etwas zu verstehen. Doch sobald ich anfange zu denken sind sie im Chaos verschwunden.

Was ich am meisten vermisse? Das Gefühl von einem zu Hause mit einem Kaminfeuer und einer Katze. Beständigkeit. Geborgenheit.

Und letzte Woche ist es tatsächlich zum ersten Mal passiert. Flüchtig wie der sanfte Windhauch am Meer in der Dämmerung. Es hat mich eingehüllt und ist einen ganzen Moment lang geblieben…so etwas wie zu Hause, wenn auch ganz anders.

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PECOS Wilderness

Den Kopf ausleeren. Für fünf Tage alles vergessen. Sich nur auf den nächsten Schritt konzentrieren. Sich nur um die nächste Minute, vielleicht um die nächste Stunde sorgen. 38 Meilen durch die Wildnis von New Mexico wandern. Ohne Internet, ohne hysterisches Geschreie und ohne ständigen sozialen Druck.

Während unsere Second-years eine Woche lang ohne Unterricht versuchten alle IB Essays und College Applications zu schreiben, verliessen wir First-years in kleinen Gruppen den Campus und erkundeten in verschiedenen Projekten den Süd-Westen der USA. Und wer hätte es gedacht, ich endete wieder einmal in einer Wilderness Expedition. Mit meiner elfköpfige Gruppe brach ich letzten Sonntag in das Pecos Gebiet, zwei Autofahrtstunden vom Campus entfernt, auf. Unsere Route umfasste ehrgeizige 38 Meilen (ca. 61 km) und führte über Berge und durch Täler zwischen 2500 und 4000 Höhenmeter. Es waren wahrscheinlich die körperlich anstrengendsten fünf Tage, die ich bis jetzt in meinem Leben erlebt habe. Unzählige Momente hielt mich nur einen dünnen Faden vor dem Aufgeben zurück. Jedes Mal fand ich irgendwo tief vergraben ein kleines Stück Kraft, das mich doch noch den nächsten Schritt machen liess. Mein Durchhaltevermögen hat mich von neuem überrascht und mir die Sicherheit gegeben, das ich die nächsten zwei Jahre hier schaffen werde. Egal wie stark die Strömung ist, egal wie aussichtslos Situationen scheinen und egal wie hoch die Berge vor mir aufragen.

Am Sonntag morgen beluden wir früh vor der Dämmerung unseren kleinen Bus. Es regnete in Strömen und unsere Ausrüstung war schon bevor wir anfingen zu wandern durchnässt. Skeptische Blicke im Halbdunkeln vermischten sich mit leisen Fluchworten. Die Begeisterung hielt sich ziemlich in Grenzen. Als wir schliesslich losfuhren hallten die Worte unseres Leaders noch lange in meinem Kopf nach. Was immer wir in den nächsten Tagen erleben, sei es Kälte oder Erschöpfung, wir sollten es einfach hinnehmen und nicht bewerten, dafür aber von den guten Momenten und von der Schönheit der Landschaft zehren.

Als wir nach einigen Stunden Vorbereitung, Busfahrt und Essensaufteilung alle mit unseren beladenen Rucksäcken bereitstanden, schien die Sonne. Die Wolken hatten sich verzogen und die Pecos Berge ragten in ihrer ganzen Schönheit vor uns auf. Zwischen den immergrünen Pinien und Tannen leuchten die gelb verfärbten Aspen und erinnerten mich daran, dass es auch hier einen Herbst gibt. Wir wanderten den ganzen Tag durch ein langes bewaldetes Tal und schlugen unsere Zelte auf einer grossen Lichtung auf. Es bildete sich langsam eine Gruppendynamik und wir bekamen eine ungefähre Idee davon, wie die nächsten Tage funktionieren sollten. Aufstehen mit der Dämmerung, Abbrechen des Camps, Frühstück nach zwei Meilen auf dem Trail, lange kräftezehrende Aufstiege, Überquerungen von Bächen, immer weitergehen, Schritt für Schritt, Aufschlagen der Zelte, Kochen, Wasser suchen und Schlafen. Diese Ereignisse blieben jeden Tag gleich aber dazwischen gab es emotionale, epische, schreckliche und atemberaubende Momente. Hier nur ein paar wenige davon:

Im Schein der Stirnlampen sieht man den gefrorenen Atem. Unsere Hände und Füsse sind zu Eisklumpen gefroren und tauen nun langsam im dicken Daunenschlafsack wieder auf. Erst jetzt bemerke ich wie sehr mein ganzer Körper schmerzt und wie müde ich bin. Mit jeder Minute wärmt sich mein Schlafsack mehr auf und ich spüre die Kälte nur noch auf meinem Gesicht. Micaela liest uns Gedichte aus einem Buch, das ein ehemaliger UWC USA Schüler geschrieben hat, vor. Die Worte sickern in mein Bewusstsein und verlieren sich irgendwo in meinem Kopf, bis ich einschlafe.

Wir wandern durch ein riesiges Waldstück, das vor zwei Jahren gebrannt hat. Die kohlenschwarzen Stämme ragen wie Grabsteine in den Himmel. In dem aschenhaltigen Boden wuchert eine Pflanze mit weissen Blüten. Ein schwacher Wind weht und lässt mich frösteln. Die ganze Landschaft ist wie von einer anderen Welt. Wir verlieren den Trail und müssen unseren eigenen Weg durch die verkohlten Baumstämme suchen. Es fängt an zu hageln und plötzlich brechen Sonnenstrahlen durch die Wolken und tauchen den toten Wald in ein grell weisses Licht.

Ich sitze auf einem Hügel, gerade so weit von unserem Camp entfernt, das ich Stimmen nur noch leise hören kann. Unter mir spiegeln sich die Berge in einem kleinen spiegelglatten See. Kein Windhauch bläst die Wärme der Sonne auf meiner Haut weg. Ich sehe über den See und die Tannenspitzen hinweg auf unendlich weite Wälder, Hügel, Lichtungen und am Horizont im Dunst hohe Berge. Keine Gedanken verlangen meine Aufmerksamkeit. Ich bin ausgefüllt mit einer lang vermissten Stille und Ruhe.

Meine Augen sind auf die Wanderschuhe vor mir fokussiert.  Sie steigen einem unglaublichen Tempo den steilen Weg hoch. Meine Füsse versuchen mitzuhalten. Jeder Schritt schmerzt. Aber irgendwann ist das Gewicht des Rucksacks vergessen und die Bewegungen sind automatisch. Ich versuche mich selbst zu vergessen. Alle Beschwerden lösen sich plötzlich von meinem Körper. Ich atme und gehe. Ohne wahrzunehmen. Schritt für Schritt, Meter für Meter in die Höhe. Und nach einer Ewigkeit ebnet sich der Weg. Mein Blick löst sich vom Boden und ein plötzlich triumphierendes Gefühl ersetzt die Leere.

Meine Hände umklammern die dampfende Schale mit Haferflocken, Milchpulver, Rosinen und heissem Wasser. Nebel, Regen und eiskalter Wind attackieren uns. Zitternd drängen wir uns zusammen und löffeln unser Frühstück. Der Wind ist bis auf die Knochen zu spüren. Vor uns liegen 6 Meilen und zwei Gipfel.

Der Waldboden ist bedeckt von leuchtend gelben Aspenblätter. Meine Füsse schweben über den gelben Teppich. Ich geniesse jeden Schritt und die letzten Minuten in der Wildnis. Wenn ich mich umdrehe sehe ich in stolz strahlende Gesichter. Wenig später taucht der Parkplatz mit unserem kleinen Bus vor uns auf. Ein Moment der Euphorie.

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Der Zauber von gutem Essen

Zeit ist etwas sehr Unregelmässiges hier. Sie fliegt vorbei, hält inne, geht wie in Zeitlupe weiter und dann ist wieder eine Woche vergangen. Mit der Zeit gehen all die Dinge, die passieren. Einmal sind sie zu einem hohen Turm gestapelt, ein anderes Mal ziehen sie sich unendlich in die Länge. Das einzige, was jeden Tag gleich bleit, sind die Essenszeiten. Es gibt Breakfast, Luch und Dinner, immer zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Sie sind etwas zum Festhalten, auch wenn ich weder das Essen noch die laute Cafeteria besonders mag.

Ich wurde mit gutem Essen verwöhnt zu Hause. Das wusste ich aber es ist mir hier nochmals um einiges klarer geworden. Die Mahlzeiten sind nicht schlecht. Sie sind abwechslungsreich und sehr international, doch der amerikanische Einfluss ist mit jedem Bissen zu spüren. Zucker und Fett so weit das Auge reicht. Umgehen kann man es kaum, man kann nur versuchen es zu reduzieren, was schwer genug ist. Es gibt Tage, an denen ich mich sehr ungesund überzuckert fühle und von einer reifen, saftigen, roten Gartentomate zum Hineinbeissen träume. Wenn es etwas halbwegs Gesundes gibt, ist mein erster Griff nicht zur Gabel sondern zum Salz. Die Dinge sind fad oder sie sind zu scharf und schmecken nach Plastikchili. Es ist keine Liebe und keine Sorgfalt in diesem Essen. Es ist zusammengemixt und gekocht, um Menschen zu füttern, um sie satt zu machen.

Vor ein paar Tagen hat Codou, unsere senegalesische Residental Advisor, für den ganzen Dorm gekocht. Ein paar Mädchen und ich haben ihr in der Küche geholfen. Einen Abend lang Zwiebeln, Gurken und Karotten zu schälen und zwischendurch frischer Humus auf warmen Fladenbrot zu essen, war wie ein Himmel für mich. Der Duft von dampfendem Reis, Curry und Ingwer hat die ganze Küche ausgefüllt und später, als ich ins Bett ging konnte ich ihn immer noch an meinen Kleidern riechen. Während dem Koche mischten sich deutsche, englische, schweizerdeutsche und französische Worte mit Gelächter. Die Tomaten wurden mit Freude geschnitten, die Gerichte mit Liebe zubereitet und die Gewürze sorgfältig ausgewählt. Es war als hätte sich diese ganze Atmosphäre wie eine Zutat unter das Essen gemischt.

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Die Abendsonne beleuchtete mit ihren letzten Strahlen den Tisch mit den Platten und Schüsseln voller köstlichem Essen. Nach und nach fingen Gesichter an zu strahlen. Die Gewürze lösten die seltsam vertraute Mischung von verschiedenen unbekannten Geschmäcken in meinem Mund aus. Nach fast zwei Monaten ass ich zum ersten Mal wieder Essen, von dem ich jede einzelne Gabel genoss.

Und die Zeit blieb für einen Moment einfach stehen.

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