Vogelperspektive

Hallo ihr lieben auf der anderen Seite

Ich bin zurück. Mein zweites Jahr hat begonnen. Diese zwei Sätze kreisen seit knapp einer Woche in meinem Kopf und werden jeden Tag ein kleines bisschen wahrer. Im Bus vom Flughafen zurück zum Campus fanden die vertrauten bunten Stimmen kaum Zugang zu meinen Ohren. Es war laut, viel zu laut, Aufregung umringte diese verrückt gewordene Gruppe von jungen Menschen, die sich mitten im Nirgendwo nach zwei Monaten wieder in die Arme fielen. Erst die warmen, intensiven Strahlen der Abendsonne und die vorbeiziehende Wüstenlandschaft New Mexicos weckte ein tiefes Gefühl von Verbundenheit.

In der ersten Woche verbrachte ich vier Tage mit einer Gruppe von second year Wilderness Leaders in den Pecos, um uns auf die first year Orientation Trips vorzubereiten. Ein Wortbild:

Die Welt um mich herum ist gerade erst aufgewachen. Der See ist noch ganz still, lässt die Natur sich in seiner Oberfläche betrachten. Keine Spur mehr von den Hagelkörnern, die gestern das Wasser aufgewühlt haben. Farben sind verschlafen. Ein blasses Grau und einige Grüntöne gähnen im Schatten. Die goldene Morgensonne berührt mit ihren Strahlen die Spitzen der Felsen hoch oben. Wind streicht über mein Gesicht. Das Wasser kräuselt sich in kleinen ringförmigen Wellen und verzehrt das Spiegelbild. In bin zurück in den Pecos, atme den Duft der Wildnis, höre die vertrauten Geräusche der Lebewesen, die hier wohnen und fühle wie ich einen Teil davon werde. Das Blau des Himmels ist kräftiger geworden, der Morgen weicht langsam dem Licht, dem Tag. Der sanfte Wind trägt die Stimmen der Frühstückkochenden unter dem kitchen tarp zu meinem Felsen am See: der norwegische Akzent von Elias, Deevas Lachen und amerikanischer Slang. Hier bin ich. Hierher gehöre ich für dieses Jahr. Es ist ein überwältigendes Gefühl.

Ich hatte so keine Ahnung was second year sein bedeuten würde. Keine Ahnung wie es sich anfühlen würde. Meine Lebensqualität hat sich komplett geändert. Der leere Raum, der meine second years hinterlassen haben, ist zu meinem Freiraum geworden. So viel Platz, um herauszufinden und auszuprobieren wie ich sein möchte. Raum, um mich auszudrücken ohne mich beobachtet oder bewertet zu fühlen. Aber es gibt niemanden mehr, der mich auffängt. Ich fange mich selbst auf und trage gleichzeitig das Gewicht der first years, die sich mir anvertrauen. Dieser Rollenwechsel tut gut, fordert mich auf eine neue Art. Es festigt das, was sich letztes Jahr angefangen hat zu bilden. Wilderness hat mir dazu in den ersten Wochen fantastische Möglichkeiten geboten. Ich wurde in die Rolle des Leaders geworfen, ob ich wollte oder nicht und langsam haben sich all die kleinen und grossen Unsicherheiten in etwas verwandelt, das ich als einen Teil von mir akzeptieren kann. Ein drei tägiger Trip mit first years zu leiten war anfangs nicht einfach. Mit der Unterstützung meiner co-leaders und Instructor hat sich in einer kurzen Zeit eine sehr interessante Gruppendynamik gebildet. Geschichten verknüpften uns Menschen miteinander. Es war wunderbar zu sehen wie die Anspannung und Erschöpfung von den Gesichtern der firsties wich und durch ein zufriedeneres Lächeln und eine gesündere Art der Erschöpfung ersetzt wurde.

Orientation bringt viele Déja vus für mich. Ich erkenne mich in den herumirrenden, verloren lächelnden firstie Gesichtern wieder. Aber es ist das zweite Mal für mich. Ich weiss nach welchen Regeln das Ganze funktioniert. Ich erlebe das Chaos, in dem ich vor einem Jahr steckte, von einer ganz anderen Seite. Trotzdem war ich überwältigt von den all den neuen Menschen, die uns ganz plötzlich überfluteten und so dauerte es einen Moment, bis ich wieder zu mir kommen konnte. Doch jetzt erkenne ich wie einmalig und wertvoll diese Tage sind. Alle firsties bringen so viel von ihrem zu Hause, ihrer Kultur, ihrem Land mit. Durch den Campus zu gehen fühlt sich an wie hundert Gewürze auf einmal zu schmecken. Kleine Gesten, Wörter oder Verhaltensweisen lassen mich innehalten. Alles ist ungefiltert, bunt und hochinteressant. In einigen Wochen werden wir alle anfangen einander näher zu kommen und dabei bildet sich die UWC Kultur. Das Chaos bekommt Strukturen und alle lernen die UWC Sprache, die ungeschriebenen Regeln und Werte. Irgendwann wird es wieder so normal sein, dass man manchmal vergisst, dass wir von so unterschiedlichen Orten kommen und komplett anders aufgewachsen sind.

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Vor einer Woche hat die Schule wieder angefangen. Meine unbefangenen Gedanken, die in Orinetation noch frei auf irgendwelchen Blumenfelder herumtanzten erstarrten mit der Erkenntnis, dass es jetzt wirklich ernst wird. Ein unsichtbarer drückender Nebel hat sich über die second years gelegt. IB, EEs, IAs, college applications, Exed leadership und dann all die TOEFLs, SATs und was es sonst noch gibt, haben die Regierung übernommen. Ein paar lächerliche Abkürzungen, die so viel Stress verbreiten und das schon in der ersten Woche. Ein Teil von mir belächelt das ganze Theater, das keinen Sinn ergibt, egal von welcher Perspektive man es anzuschauen versucht und dann fliege ich davon, ins Land der Träume, Erinnerungen und Illusionen. Von weit weg, hoch oben sehe ich den Ameisenhaufen, in dem ich lebe, fühle die Freiheit, die Luft unter meinen Flügeln. Ich sehe die Welt aus der Vogelperspektive und frage mich was die Menschen tun. Frage mich, wie wir uns so unglaublich tief in unseren eigenen Spinnweben verfangen konnten. Wie wir überhaupt in diesem viel zu engen System überleben. Ein anderer Teil von mir, der verantwortliche, aufgeräumte, besorgte und zielstrebige versucht verzweifelt all die verschiedenen grösseren und kleineren Schularbeiten nach Wichtigkeitsgrad zu sortieren und zu erledigen. Nur finden immer öfter Streitereien der beiden Teilen in meinem Kopf statt und ich habe das Gefühl, dass es eine meiner Hauptaufgaben dieses Jahr sein wird, eine Balance für diesen Konflikt zu finden.

Welcome Ceremony II

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Hätte nicht gedacht, dass ein solches Bild von mir je existieren würde…
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Jetzt sind wir eine richtig kleine Schweizer Familie
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Die Castle Mädchen

 

Heute Nacht habe ich zufälligerweise die offene Tür des Klassenzimmers im dritten Stock des Castles entdeckt. Ich sitze auf der Fensterbank, sehe unter mir die Flaggen sich im sanften Wind wiegen. Ich höre das Nachtkonzert der Grillen und die Stimmen der Nachtschwärmer, die sich in Decken gewickelt zum water reservoir davon schleichen. Weiter weg schimmern die Lichter von Montezuma und Las Vegas. Letztes Jahr habe ich irgendwann aufgegeben, diesen Ort hier zu meinem zu Hause machen zu wollen. Doch heute Abend, als ich mit all den deutschsprecheden Schülern an einem Tisch sass und im Kerzenlicht viel zu süssen Apfelkuchen ass, als ich mich etwas später in einem Zimmer wiederfand, das ich noch nie zuvor besucht habe und mich von dem einen auf den anderen Moment so verbunden fühlte mit diesem Mädchen, mit dem ich kaum ein Wort gewechselt habe letztes Jahr, jetzt wo ich in diesem Klassenzimmer sitze, jetzt überkommt mich ein Gefühl für diesen Ort, der dem Gefühl eines zu Hause wohl am nächsten kommt. Und dieses Mal ist es nicht ein Windhauch, der kaum etwas hinterlässt, sondern eine Art Gewissheit, Sicherheit oder auch Wahrheit.

Eine Mail von einer guten Freundin hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Schule, mit der ich ja eigentlich den grössten Teil meiner Zeit hier verbringe, sehr kurz kommt in diesem Blog. Ich habe über das Warum nachgedacht, bin aber nicht wirklich auf einen guten Grund gekommen. Ich werde sehr ehrlich sein, nichts schön reden und nichts weniger loben als gelobt werden soll. Ich glaube, die Schule hier verwirrt mich (vielleicht is das der Grund), sie macht mich wütend, sie inspiriert, sie ist mühsam, macht müde und entspricht oft nicht meinen Vorstellungen. Das IB (International Baccalaureate), nach dessen Strukturen und Lehrplänen hier unterrichtet wird, ist international anerkannt und kann in etwa mit der Matur in der Schweiz gleichgestellt werden. Das IB ist keine Erfindung der UWCs, es wird weltweit auf bestimmten Schulen in der Oberstufe angeboten und hat einen guten Ruf bei vielen Universitäten. Nur finde ich und damit bin ich auch nicht die einzige hier, dass IB und UWC überhaupt nicht zusammen passen. Das IB hat extrem enge Ansichten, wie etwas aussehen soll, was richtig und falsch ist. Kreativität kommt in jedem Fach ausser den Kustfächern viel zu kurz. Manchmal gibt es gute Ansätze zu selbst gesteuertem Lernen, Gruppenprojekten oder Experimenten aber so oft ist die Umsetzung einfach nicht zufriedenstellend und da tragen nicht nur die Lehrer sondern vor allem die Schüler die Verantwortung für ein gutes Resultat. Ein Grund dafür ist sicher, dass wir, vor allem im zweiten Jahr, eigentlich pausenlos arbeiten könnten, um alles perfekt hinzubekommen. Doch UWC ist so viel mehr als Schule und schlafen muss man irgendwann auch noch. Das heisst, der Schlaf kommt sowieso zu kurz und viele, mich inklusive, sind nicht bereit den grössten Teil ihrer Energie in die Schule zu stecken. So leiden manche Stunden mit so viel Potenzial unter der Krankheit von müden Schülern, die einfach nur das Mindeste machen, um durch zu kommen. Manche Lehrer sind genial und können aus einer schläfrigen Gruppe Jugendlichen leidenschaftliche Diskussionen hervorkitzeln. Denn nicht allzu weit unter dem demotivierten Augenverdrehen um acht Uhr morgens verbirgt sich ein kleines Feuer und wenn man dem nur das richtige Brennmaterial gibt, wird es explosionsartig in Flammen aufgehen. Es gibt Lehrer, die diese Kunst beherrschen und von mir hoch geachtet sind. Es gibt Lehrer die mich mit ihrer Geschichte, Persönlichkeit und ihrer Art zu unterrichten inspirieren. Es gibt Lehrer, mit denen ich eng befreundet bin und über einfach alles reden kann. Und es gibt auch das absolute Gegenteil. Ich verstehe, dass sich jeder Lehrer an den Lehrplan des IBs halten muss und dass es manchmal sehr schwer sein kann, damit etwas Vernünftiges anzufangen. Ich wünschte, es gäbe ein UWC Diplom, das genau die gleiche Anerkennung wie das IB hat. Es ist in Diskussion, doch wenn überhaupt, wird es Jahre dauern, bis so etwas durchkommt. So habe ich mich mit dem IB abgefunden. Mehr oder weniger. Und ich glaube es ist gut, wenn es noch irgendwo diesen kleinen Widerstand gibt, der mich manchmal dazu bewegt, zu versuchen etwas zu verändern auch wenn es nur Papier doppelseitig bedrucken ist. Die Dinge, auf die es mir ankommt, von denen ich wirklich lerne, passieren ausserhalb der Schule. Es sind die Diskussionen mit meinen beiden Roommates, Hannah liberal katholisch und amerikanisch feministisch und Ayesha, die von einer Aerospace engineering Kariere träumt und streng muslimisch ist, über Religion und das Leben. Es ist das tagelange Schneestapfen mit einem Rucksack irgendwo im nirgendwo. Es sind die späten Nachtstunden im Artroom, in denen ich mich in Farben, Formen und Linien verliere. Es sind die flüchtigen Momente. Wenn ich am Morgen den herben Duft von Pinien und der trockenen Wüste rieche. Wenn ich am Nachmittag durch einen Platzregen tanze. Wenn ich am Abend auf der Fensterbank sitze, eine kühle Brise durch das Fenster weht und die Hitze des Tages vertreibt.

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Bis bald…

Letztes Kapitel, erster Teil.

Und wieder einmal ist da dieses schon fast vertraute Gefühl der Panik vor viel zu schnell vergehender Zeit. Wieder naht ein grosser Abschied. Für mich eine harte Schule des ständigen Gehenlassens und öffnen für Neues. Ich bin einen Klumpen Ton. Ich fühle, wie es mich auseinanderzieht, zusammendrückt, formt und dann wieder verformt. Ständig wird neues Wasser hinzugefügt. Hier kann man trotz der heissen Sonne nicht austrocknen und steif werden.

Die Zeit intensiviert sich wieder. Jede Minute wird mit irgendetwas gefüllt. Dieser Ort ist komplexer denn je. Ich bin eingewoben in ein zehn dimensionales Spinnennetz. „Es ist die Wüste“, sagen manche. Der wolkenlose, tiefblaue Himmel, die karge Weite und das violette Nichts am Horizont wenn die Sonne untergeht. Dieses alte Schloss, das schon so viele Menschenseelen beherbergt hat. Ihre Geschichten sind in den Wänden gespeichert und die Zimmer unterschwellig gefüllt mit der Energie von Generationen von Schülern.

Vollkommen unvorbereitet treffen mich kleine Dinge, Details. Sie stimmen mich nachdenklich, vielleicht ein wenig melancholisch, wenn ich sie in meinem Bewusstsein registriere. Ich kenne die Töne, die verschiedene Türen hier machen. Ich weiss genau, wer im Gang lacht, wenn ich in meinem Zimmer bin. Es ist so selbstverständlich in andere Zimmer zu spazieren und wenn niemand dort ist, aus Versehen einzuschlafen. Ich habe mich an den allgegenwärtige Duft von frischgebackenem Bananenbrot in meinem Dorm gewöhnt. Mein Englisch ist mehr oder weniger fliessend geworden. An guten Tagen vergesse ich manchmal, dass ich eine andere Sprache spreche. Es ist so normal in diesem Haufen Jugendlichen zu leben, die alle träumen und die alle desillusioniert zerscherbelte Träume in ihren Händen halten. Wir trösten einander, geben einander Liebe, die wir so dringend brauchen, sind uns komplett anderer Meinung im nächsten Moment und umarmen uns wieder. Es ist viel. Letzte Nacht fand ich mich nach einem tagelangen Höhenflug in einem selten stillen Moment unter dem Sternenhimmel wieder. Ich sah die dünnen Mondsichel über dem Waldrand, hörte die lauten Grillen zirpen und wollte einfach nur noch nach Hause. Gutes Essen essen, kein so vollen Kopf haben und mich nicht jeden Tag durch eine andere unbekannte Tür stürzen und dann mit den Folgen klar kommen müssen. Ich brauche eine Pause davon. Wenn ich New Mexico verlasse, werden alle anderen auch gehen und nur die Hälfte wird zurück kommen. Das Lachen der Second years während dem Nachtessen wird fehlen. Stimmen, die ich noch nicht kenne werden es ersetzen. Ich bin sicher, Stimmen von anderen grossartigen Menschen. Doch oft fällt es schwer offen zu bleiben. So, wie ich nach Hause gehen will, würde ich gleichzeitig am liebsten die Zeit anhalten… Leider und zum Glück ist es die Vergänglichkeit, die Momente so kostbar macht.

Ich bin gespalten, in jeder Hinsicht…

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Drei Wochen später

Jetzt sitze ich schon zum vierten Mal alleine hier für 10 Stunden in der trocken und kalten Flugzeugluft, in diesem Sitz, der nach 3 Stunden einfach irgendwie immer ungemütlich ist. Es geht mir schon viel besser als beim ersten Mal und ich habe nicht mehr bei jeder kleinen Turbulenz einen Herzstillstand. Ob ich aber meinen Kopf so weit von den Geräuschen des Fluges ablenken kann und es hinkriege etwas blogbares zu schreiben, bleibt ein Experiment. Nun, ich versuchs.

Nachdem ich die letzten sechs Wochen meines ersten Jahres am UWC USA mit den Füssen nur halb am Boden durch die verrücktesten Turbulenzen und stillsten Flauten flog, befinde ich mich nun in einem Vakuum (obwohl ich tatsächlich fliege). Ich habe so viele Geschichten zu erzählen. Doch ich sitze im Flugzeug und kann fast fühlen, wie mit jeder Minute wieder einige Meilen Distanz zu allem Erlebten hinzukommen. Ich sehe meine Erinnerungen als grosse aufgetürmte Wolkenschlösser vorbeigleiten, kann jedoch nicht erkennen, wovon sie handeln und finde auch keinen Zugang. Ich befinde mich zwischen meinen zwei Welten. Habe die Verbindung zum Boden komplett verloren, gezwungenermassen, und somit auch die Verbindung zu einem definierten Ich. Für eine Identität  braucht man ein Umfeld,  Menschen, in denen man sich spiegeln kann. Menschen, mit denen man sich “verspinnnetzt“. Nach einem Jahr an einem UWC, weiss ich, wer ich dort bin. Ich bin nicht mehr dieselbe, wie vor zehn Monaten. Es macht mir ein wenig Angst, für so lange Zeit nach Hause zu gehen. Kann ich dasselbe “Ich“ wie am UWC sein? Muss ich mir einen neuen Platz in den Köpfen der Menschen erkämpfen? Und gleichzeitig freue ich mich unglaublich in ein paar Stunden meine Familie in die Arme schliessen zu können.

Jetzt bin ich zu Hause. Seit fünf Tagen. Ich habe vergessen, wie es ist ein eigenes Zimmer zu haben. Ich war erstaunt über die satten frischen Farben des Gemüse auf meinem Teller. Schweizerdeutsch verknotet mir ab und zu die Zunge. Es bereitet mir Mühe still zu sitzen und einfach mal nichts zu tun. Doch es tut unendlich gut einfach hier zu sein. Ich habe unbewusst mehr vermisst als bewusst in meinem letzten Semester. Es tut gut Menschen um mich zu haben, die ich schon so lange kenne. Sie nehmen mich auf, als wäre nichts gewesen. Als hätten wir uns gestern das letzte Mal gesehen. Ich hole meinen Schlaf nach und baue mir in Wachzeiten langsam wieder ein Umfeld auf, in dem man seine langen Sommerferien verbringen kann. Ohne Langeweile 😉

Ich werde nicht zu lange darüber schreiben, doch ich möchte es doch auch noch erwähnen. Meine 12 tägige Wilderness Leadership Expedition. Direkt nach Graduation sind 40 Outdoor Begeisterte Schüler mit Rucksack und Schlafsack für 12 Tage in die Wildnis aufgebrochen. Wir hatten drei Gruppen, die in der gleichen Region alle eine andere Route wanderten. Meine Gruppe erwischte den mit Abstand schwierigsten Trail. Das heisst, wenn wir dann einen Trail hatten. Fünf Tage mit eiskalten und nassen Füssen durch hüfthohen Schnee stapfen hat an den Kräften und vor allem Nerven der ganzen Gruppe gezehrt. Doch nach diesen ersten schwierigen Tagen wurde es besser. Wir haben unsere Füsse in der Sonne aufgetaut, gutes Essen gekocht, Geschichten an einem Lagerfeuer erzählt, unter dem freien Nachthimmel geschlafen, Blumen bewundert und lange Diskussionen über Atombomben, Religion und die wahre Liebe geführt. Alle Elche (ja, in New Mexico gibt es Elche) um uns herum hatten eine gratis Portion UWC Intellekt vom Feinsten geschenkt oder vielleicht eher aufgezuwungen bekommen. Es hat etwas sehr Natürliches mit ein paar wenigen sehr vertrauten Menschen ein so einfaches Leben in der Wildnis zu leben. Der erste Kontakt mit der Zivilisation nach 12 Tagen war überwältigend und ist schwer zu beschreiben. Alles Menschen geschaffene war verwirrend und komisch und mein Körper brauchte fast einen ganzen Tag, um sich wieder komplett wohl zu fühlen in der Menschenwelt. Diese Erfahrung in der Wildnis zählt zu den absoluten Highlights, die ich bis jetzt am UWC erleben durfte.

Man muss sich nur einmal in die karge, trockene und gleichzeitig grüne und reiche Natur und Weite von New Mexico verlieben und es lässt einen nicht mehr los.

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Mein erstes Jahr ist vorbei. Es war ein grandioses Jahr und ich freue mich schon jetzt, in knapp zwei Monaten zurück ins Chaos zu stürzen, wieder neue Menschen kennen zu lernen und Neues zu erleben.

Ich möchte allen Freunden, Bekannten und Verwandten, die diesen Blog lesen und mich in diesem Jahr durch Nachrichten von zu Hause oder Rückmeldungen zu meinem Geschriebenen unterstützt haben, danke sagen. Ich freue mich immer unglaublich über Lebenszeichen von hier, sei es eine kurze Nachricht oder ein langes Mail (Natürlich sind Briefe unübertreffbar, falls mir jemand eine ganz grosse Freude machen will. Ich schicke auch allen, die mir einen Brief schicken, einen zurück! Falls du meine Adresse möchtest, melde dich bei mir!) und ich versuche auch allen sonst über Mail oder Facebook zu antworten. Nur dauert es manchmal etwas länger…

Und auch hier melde ich mich bald wieder 🙂

 

The sound of silence

IMAG2003Dieser Blogeintrag ist eine Sammlung verschiedener Erlebnissen, Momentaufnahmen und Kurzgeschichten, die in den letzten Wochen entstanden sind.

Ich habe sie wieder gefunden an einem Ort, an dem mich viele Meilen von der Zivilisation trennten. In einem Canyon, zwischen hohen Sandsteinen in allen Rottönen und dem tief blauen Himmel von New Mexico. An einem stillen brauen Fluss, dessen Oberfläche sich im Wind kräuselte und das Licht der Sonne metallisch reflektierte. Genau wie man die Intensität von Dingen, die man nicht mehr hat, mit der Zeit vergisst, habe ich vergessen wie Stille klingt. Eine alte Freundin, Verbündete und Geliebte hat mich in ihre Arme genommen, getröstet und mit klaren frischen Gedanken wieder gehen lassen.

Sie gehört zur Natur, wie jedes Lebewesen. Würde man nicht tausend Schichten Lärm darüber legen, würde man sie nur lassen, sie würde ihren reinen, unberührten und heilenden Klang weit verbreiten.

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Meine Projektwoche habe ich mit zwei Lehrern und einer kleinen Gruppe firsties (Alaska, China, Japan) in zwei verschiedenen Kloster von New Mexico verbracht. Ja, Kloster… Vor einem halben Jahr hätte ich noch die Nase gerümpft bei dem Gedanken eine Woche freiwillig in Klostern zu verbringen. Tja, die Zeiten haben sich geändert. Diese Woche war vielleicht eine meiner speziellsten Erfahrungen, die ich hier am UWC bisher machen durfte. Ich hatte noch nie einen so intensiven Einblick in die christliche Religion, überhaupt in irgendeine Religion. Der Kontrast zwischen dem UWC Alltag und dem stillen, konservativen und strickten Leben der Benediktiner Mönchen könnte nicht grösser sein. Sie kommen aus aller Welt, um sich weit weg von jeglicher Zivilisation im Chama Canyon in einer kleinen Gemeinschaft gleichgesinnter auf die Suche nach Gott zu begeben. Um vier Uhr morgens beginnt die erste Kirchenmesse und um halb acht abends endet die letzte mit dem Duft von Weihrauch und einem langen gesungenem Gebet. Der Ablauf des Tages ist strickt festgelegt. Jede Stunde hat ihren Sinn. Freizeit haben die Mönche kaum. Sie leben einfach, ohne eigenes Geld, ohne grossen Besitz, minimalem Zugang zum Internet und seltener Kontakt zur Aussenwelt. Der Jüngste von ihnen ist 21 Jahre alt und hat sich mit 19 entschieden, sein Leben in dem „christ of the desert“ Kloster zu verbringen. Nach der Sonntagsmesse wurde uns das einzige Mal erlaubt, mit den Mönchen zu sprechen. Ich stellte viele Fragen und hörte gespannt und so offen ich konnte in eine Welt hinein, die meinen Vorstellungen und Ansichten so sehr widerspricht. Doch als wir nach vier Tagen diese isolierte Gemeinschaft verliessen, hatte ich eine wage Ahnung davon, was einen Mensch zu dieser Lebensform bewegen vermag. Viele Gedanken und Gespräche über die christliche Religion, Buddhismus und Spiritualität in diesen vier Tagen haben mir Sicherheit gegeben. Ich bin mit dem was ich glaube und nicht glaube auf einem Weg, der richtig für mich ist.

Das zweite Kloster, das wir besuchten ist nicht besonders erwähnenswert. Es war so ziemlich das Gegenteil von „christ in the desert“. Eine spirituelle Atmosphäre gab es nicht, es fühlte sich eher wie ein gewöhnliches Hotel an. Wir waren kaum in den Alltag der Mönche dort eingebunden und auch die Umgebung war nicht sehr ansprechend. Sicher war es interessant den Unterschied verschiedener Klostern zu sehen, doch in meiner Erinnerung wird das einsame Kloster im stillen Canyon bleiben.

IMAG1989Vier weisse Wände umgeben ein Pult, eine Leselampe, einen Stuhl dazu, ein Bett, ein kleines hölzernes Jesuskreuz und mich. Nur das hintergründig rauschende Geräusch des Ofens und das Kratzen meines Stiftes auf Papier füllt den kleinen Raum. Ich bin alleine. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Es gibt keine Elektronik, Menschen oder Ereignisse, hinter denen ich mich vor meinen Gedanken verstecken kann. Ich bin mir selbst ausgeliefert und fühle mich viele Jahre zurückgeworfen, in eine Zeit, als ich zum ersten Mal bei Freunden übernachtete und nicht schlafen konnte weil ich nicht im eigenen wohlig warmen Bett lag. Jetzt sitze ich irgendwo im Nirgendwo, auf einem anderen Kontinent unendlich weit von meinem eigenen Bett entfernt und habe zum ersten Mal seit vielen Wochen wieder Heimweh.

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Ein Gemisch von verschiedenen Sinneswahrnehmungen durchsickert meinen Körper. Auf der Suche nach Metaphern dafür dreht sich mein Gehirn, suchend wie eine verwirrte Kompassnadel. Dinge, die ich will und Dinge, die ich vielleicht möchte, treffen mal hier mal da auf Dinge, die wirklich passieren. Erschaffen durch Vorlieben, seichten Leidenschaften, Meinungen, die nur in meinem Kopf existieren und der Hoffnung auf einen Hinweis. Ich kann denken so viel ich will, folge aber dann doch nur dem, was offensichtlich ist. Der Leim, den ich benutze hält nicht, verrottet und ein Vorhaben fällt einfach wieder ab. Ich müsste mit Nadel und Faden dahinter, doch dies bedeutet Schmerz. Schmerz macht meinen Körper schwach. Ich fühle mich wie ein kleines Kind, das die Verbindung zum Herzschlag eines anderen Menschen braucht. Doch das kann ich mir nicht leisten.

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It’s still me

Underneath of what I want to be

Underneath of what I’m supposed to be

Underneath of what I’m not, it’s still me

Es ist vergraben. Manchmal betäubt. Lässt sich nicht blicken, wenn ich’s am dringendsten brauche. Verschleiert, unscharf, flüchtig, eine Farbe nah an der Unsichtbarkeit. Die Augen zusammenzukneifen lässt es verschwinden. Ein gejagter Schatten. Ein vorbeihuschendes Gefühl.

Nur wenn ich stehen bleibe. Die letzten Beweise, dass es vielleicht doch existieren könnte hinter dem Horizont verschwinden sehe.

Mich hinsetze, warte. Geduld. Lange.

Kommt es zurück.

Überstrahlt für einen Moment alles andere. Und verschwindet wieder.

Doch hinterlässt einen Moment der Gewissheit.

 

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Mango im Morgengrauen

Eigentlich braucht es gar nicht mehr als ein Einmachglas mit frischer Mango, zwei Gabeln, chinesische Stäbchen und dampfender Chai Tee mit Honig, um aus einem nebligen Märzgmorgen ein Symphonie der Sinne zu erschaffen.

Als wir an im Dunkeln die Eingangshalle des Schlosses verliessen, rieselte Schnee aus dem dicken Nebel, der die Hügel von Montezuma einhüllte. Die kalte Nachtstille lag über dem ganzen Campus, Stunden bevor die ersten Frühaufsteher aufwachten.  Der Strahl einer Taschenlampe beleuchtete den schmalen Trail durch den Wald. Als das Morgengrauen sich langsam durch den Nebel kämpfte, wurden die weissen vereisten Nadeln der Tannen sichtbar. Wir waren aufgestanden um die glutrote Sonne am Horizont aufgehen zu sehen, doch durch die dicke weisse Suppe drangen nur die wenigen milchig gelben Lichter von Las Vegas. Wir hatten unglaubliches Glück und erlebten eine sehr seltene Morgenstimmung an diesem Ort hier. Graues sanftes Licht breitete sich über den bewaldeten Hügeln aus, während sich drei Menschen aus den verschiedensten Ecken der Welt Mango und Tee teilten.

Vielleicht fange ich an, mich ein ganz klein wenig in diesen Ort, der mir immer wieder solche Momente schenkt, zu verlieben.

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Elefanten

Vor langer Zeit existierte irgendwo im Universum ein Stern. Millionen Jahre bevor es die frühsten Formen des Lebens auf der Erde gab, ist er gestorben. Doch sein Licht reist noch durch den Weltraum. Es wird unsere Erde nicht erreichen, bis die Menschen ausgestorben sind. Unsere Augen werden nie Zeugen des Augenblickes sein, wenn das reine weisse Licht des Sterns als kleinen Punkt in unserem Nachthimmel erscheint. Wir werden nie sehen, wie all die Elefanten, die mit dem Licht reisten, auf der Erdoberfläche landen. Unsere Körper werden nie fühlen, wie die Erde erzittert, wenn die Elefanten sich alle gleichzeitig anfangen zu bewegen und in demselben Rhythmus einen riesigen Elefantenfuss vor den anderen setzen. Wir werden alle tot sein, wenn die Elefanten durch unsere Ozeane schwimmen und sich im Schatten der Himalaya zur Ruhe legen. Wir werden nicht die Schönheit der Geburt des ersten Babyelefanten auf Erde erleben. Und ich glaube es ist gut so.

-Jeden Sonntag Abend trifft sich eine kleine Gruppe inspirierende Individuen im Castle um Tee und Worte zu teilen. Elefanten und It’s still me sind dort entstanden.

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Langsam merkt man, wie sich die Zeit anfängt zu verdichten. Es verbleiben noch ein paar wenige Wochen bis die second years diesen Ort verlassen. Noch denkt niemand zu genau darüber nach aber manchmal gibt es das eine oder andere bestürzte Gesicht, wenn sich eine Diskussion beim Abendessen in Richtung Graduation und neue firsties bewegt. Ich versuche nicht zu viel voraus zu denken und zwischen den Bergen von Aufsätzen, Hausaufgaben und Tests, so viel wie möglich mit den Menschen zu erleben, die mir ans Herz gewachsen sind.

An alle Wartenden

Die Zeit vergeht leise, ohne sich gross bemerkbar zu machen. Die Tage gleiten dahin wie kleine Wellen, die sich in einem ganz eigenen Rhythmus am Strand ausbreiten und wieder zurückziehen. Mir geht es gut. Zwischen Phasen der Verwirrung und Entwirrung finde ich immer wieder zu einem zufriedenen ruhigen selbst. Die Geschwindigkeit von Veränderungen macht mir keine Angst mehr. Vielmehr trage ich nun aktiv zu einer Beschleunigung bei, wenn es mir zu langsam geht oder zu geradelinig verläuft.

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Vor genau einem Jahr, nach einem nerven zehrenden Bewerbungsprozess, bekam ich den Bescheid, das ich für UWC USA nominiert bin. Vor einem Jahr hat ein kurzer intensiver Abschnitt meines Lebens  voller Aufregung, Unsicherheit und Zweifel angefangen. Ich habe jeden Blog gelesen, den ich finden konnte. Jede nur so kleine Information, die ich bekommen konnte wurde von meinem Kopf sofort verarbeitet und bewertet. Ich versuchte mir aus all den verwirrenden Worten ein Bild davon zu machen, auf was ich mich einlasse. Wenn ich auf Dinge stiess, die mir nicht gefielen oder die UWC irgendwie negativ darstellten, hatte ich für Tage Zweifel, ob es wohl wirklich das Richtige für mich ist. Meine Abenteuerlust verkrümelte sich in ein kleines Eckchen, bis mich eine Überdosis des UWC Spirit Videos wieder ein bisschen zuversichtlich stimmte. Es war ein riesig grosser Schritt für mich, alles Vertraute loszulassen und Momente der kompletten mentalen Überforderung waren nicht selten. Ich glaube ich war nicht die einzige, der es so ging und auch dieses Jahr gehen wieder viele junge Menschen durch denselben Prozess. Falls du diesen Blog liest, und vor kurzem erfahren hast, das UWC die nächsten zwei Jahre deines Lebens bestimmen wird: dieser Eintrag ist dir gewidmet.

Auch in einem Moment der kompletten Verwirrung ist die Antwort noch irgendwo zu finden

Wenn ich mich verschliesse, kann ich sie nicht sehen

Wenn ich mache, was die Vergangenheit sagt, kann ich sie nicht fühlen

Alles, was ich brauche ist eine Verbindung zu mir selber

Und ein bisschen Vertrauen ins Ungewisse

Meine grössten Sorgen in den wenigen Monaten zwischen mir und UWC waren Englisch und das es zu viel ist und ich es aus irgendeinem Grund nicht schaffen könnte.

Als ich hier ankam, gesellten sich zu diesen Sorgen noch ganz andere Dinge. Es war nicht das, was ich mich vorgestellt habe. Es war nicht wie im UWC Spirit Video. Ich konnte mich nur knapp mit den Leuten verständigen, fand nie das richtige Wort und war fast durchgehend überfordert auch wenn es sich nicht so anfühlte weil ich es nie wirklich zugeben wollte. Ich sah all die anderen um mich herum, die sich so viel wohler zu fühlen schienen und sich schneller einlebten. Doch je besser ich mich verständigen konnte, desto tiefer wurden Gespräche und ich merkte schnell, dass sich fast alle in der gleichen Situation befanden. Alle Firsties versuchten dem sozialen Druck so gut es geht stand zu halten und sich irgendwie zurechtzufinden. Glaubt mir, wenn ich so genau gewusst hätte, was mich hier erwartet, ich hätte wahrscheinlich nicht den Mut gehabt, zu kommen. So ist es doch ein Glück nicht zu wissen, wie kalt das Wasser ist, in das man springt. An diesem Ort wächst man zusammen mit der Zeit und den Veränderungen. Was gestern noch unmöglich schien, ist heute schon geschafft und kein Problem mehr.

Meine beiden grössten Sorgen haben sich mit der Zeit in Luft aufgelöst. Mein Englisch ist fliessend und ich habe (fast) keine Schwierigkeiten mehr alle möglichen Akzente und Dialekte zu verstehen. Zwar gibt es immer noch Momente, in denen alles zu viel ist aber wenn ich mich nur offen halte, gibt es für jedes Problem mindestens zehn verschiedene Lösungen.

Dieser Ort lässt einem uneingeschränkt wachsen, wenn man sich dafür entscheidet. Was in der Vergangenheit passiert ist, beeinflusst hier nicht, wie andere dich sehen. Einzig zählt, wie du im Moment bist und so wirst du aufgenommen. In dieser Uneingeschränktheit entwickeln sich grobe Skizzen einer Persönlichkeit zu einzigartigen Kunstwerken.

Darum wünsche ich euch Wartenden viel Kraft und Energie, um diese nervenaufwendige Zeit die zwischen euch und UWC steht, gut zu überstehen! Denn es lohnt sich…

Und vielleicht lerne ich einige von euch ja bald kennen…

 

 

 

Between snowflakes and two hundred familiar faces

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Freundschaften, die sich jeden Tag verändern 

Worte, Geschichten und Stimmen, die berühren

Gedanken, die sich frei in jede mögliche Richtung bewegen 

 

Tja… Und dann waren die Ferien vorbei und ich innerhalb von Stunden wieder von der einen in die andere Welt katapultiert. Das ganze Herumgereise war nicht mehr ganz so schlimm wie beim ersten Mal, Immigration war mühsam aber zu bewältigen und sowieso hat mich dieses ganze Drama nicht mehr so mitgenommen. Aber auch wenn ich mich viel sicherer fühlte als auch schon, konnte mich nichts auf den Hammerschlag vorbereiten. Es traf mich, als ich die Lichter des Schlosses auf dem Hügel sah. Alles, was zu Hause ein bisschen vergessen ging oder in den hinteren Teil meines Kopfes rutschte, war mit einem Schlag zurück. Ein wenig überwältigend und völlig übermüdet fand ich mich wenige Minuten später auf dem Boden meines merkwürdig vertrauten aber irgendwie auch fremden Zimmers neben meinem Koffer liegend wieder. In Watte gepackte Gedanken kamen und gingen langsam, ohne irgendeinen Eindruck zu hinterlassen. Ein Klopfen an der Tür und ein sehr vertrautes Gesicht riss mich aus meinem apathischen Zustand und bestätigte mit einem Grinsen, das es wirklich so weird war wie ich mich fühlte.

Die Menschen wieder zu sehen, mit denen ich die letzten vier Monate gelebt habe, war auf eine Weise aufregend aber auch anstrengend. Eigentlich waren die ersten drei Tage schrecklich. Der ganze Wirbel und die vielen Überstürzten Umarmungen gefielen mir nicht so und liessen meinen Kopf immer wieder wattig werden. Ich verbrachte viel Zeit alleine in meinem Zimmer, denn meine Roommate kam vier Tage später als ich. Ich sass am Fenster, hörte Musik und hatte viel Selbstmitleid. Wenn ich nicht im Zimmer war, lief ich durch den Wald und hing melancholischen Gedanken nach. Das mag vielleicht wirklich schrecklich und depressiv klingen aber ich glaube, diese kurze Phase des Elends krempelte mich komplett um, ohne dass ich es merkte.

An meinem vierten Tag betrat ich zum ersten Mal die Cafeteria und lächelte, als ich an einem Mädchen mit einem Lachanfall vorbei ging. Ich lächelte nicht, weil es mich amüsierte, sondern weil ich endlich meinen Frieden mit diesem Ort geschlossen hatte.

Seit diesem Wendepunkt sind nun schon wieder einige Wochen vergangen. Vielleicht sind es die Freundschaften, die ich geschlossen habe, die ich jetzt plötzlich in einem anderen Licht sehe, vielleicht ist es auch dieser schwer zu begreifende Ort, den ich langsam zu verstehen und lieben lerne. Ich verstehe langsam wie wertvoll das alles ist und wie viel mir geschenkt wird. Ich habe mich noch nie so wohl gefühlt hier, wie jetzt. Ich bin ein Teil von dieser Gemeinschaft, ich fühle mich lebendig und irgendwie frei. Ich habe gelernt, das es vollkommen in Ordnung ist, vom Einrad zu fallen und dann tagelang die Balance zu verlieren. Man würde ja nichts mehr lernen, wenn das nicht passieren würde…

Doch… Je tiefer ich in diese Welt hier tauche und mich in ihr verliere, desto mehr scheint sich mein zu Hause von mir zu entfernen. Es überkommt mich ein bisschen Wehmut und Traurigkeit, wenn ich mein altes Leben in der Ferne verschwinden sehe und es stellen sich viele schwierige Fragen, die ich aber jetzt noch nicht beantworten möchte.

Eine Pause zum Denken und Nichtdenken

Viele von euch konnte ich nach vier Monaten wieder in die Arme schliessen. So viele vertraute und geliebte Gesichter habe ich in den letzten Tagen wider gesehen. Mit euren Stimmen und Gerüchen habt ihr mich innerhalb von wenigen Tagen wieder komplett nach Hause geholt. Ich bin mit meinem ganzen Körper, mit meinen Gedanken und meiner Seele hier und es tut gut. Im Sommer wusste ich zwar Monate vorher, das ich gehen würde und doch hat sich der Abschied abrupt angefühlt. Euch jetzt alle noch einmal zu sehen, ist wie eine Vergewisserung, dass es in Ordnung ist, zu gehen und fort von zu Hause zu sein.

Eigentlich wollte ich aber über etwas anderes schreiben. Früher oder später fällt ein Gespräch hier zu Hause auf meinen Blog. Ich habe auch schon einige Mails mit Rückmeldungen zu meinem Geschriebenen hier bekommen (und mich immer sehr darüber gefreut!!!). Wie meine Leser diesen Blog interpretieren ist sehr interessant. Ich weiss, dass er viel Möglichkeit lässt, zwischen den Zeilen zu lesen und sich alles Mögliche vorzustellen. Manchmal vielleicht sogar etwas zu viel und darum habe ich das Gefühl, dass ich an dieser Stelle jetzt einiges klar stellen muss.

UWC ist kein Paradies. Es gibt nirgends auf der Welt einen Ort, der auch nur annähernd perfekt ist. Es läuft nicht immer gut. Immer mal wider passieren Dinge, mit denen ich nicht einverstanden bin oder es tauchen schwer lösbare Probleme auf, die mich verzweifeln lassen. Ich sehe den Sinn davon nicht, wenn ich mitten drin stecke, doch oft sind es diese schwierigen Zeiten, von denen ich am meisten lerne. Nach jedem Tief kommt auch wieder Hoch und jedes Hoch bringt das Gute, das Glück und die Magie zurück. Das Leben am UWC ist dicht, gefüllt bis zum Überlaufen und oft anstrengend. Man muss seinen Weg durch dieses Chaos von Emotionen, Menschen, Geschichten und Problemen finden. Das gelingt vielleicht nicht jedem auf Anhieb. Zumindest mir fällt es manchmal sehr schwer mich einfach mit den Dingen, die passieren, abzufinden, denn kontrollieren kann ich sie an diesem Ort kaum.

Doch das wird für jeden, der ein UWC besucht, ganz anders aussehen.

In meinem ersten Semester habe ich, vor allem in den letzten zwei Monaten langsam eine Balance gefunden. Es ist wie wenn man Einrad fahren lernt. Zuerst müht man sich erfolglos und dann langsam kann man immer längere Strecken fahren, ohne umzukippen. Und wenn man es einmal im Leben gelernt hat, verlernt man es auch nicht wieder. Darum ist es nichts Schlechtes, wenn manchmal einfach gar nichts zu klappen scheint.

Die Winterferien zu Hause waren, obwohl sehr kurz, genau das Richtige. Ich brauchte diese Pause unbedingt. Man kann nicht stundenlang Einrad fahren lernen. Irgendwann ist man müde und erschöpft und überglücklich wenn man stundenlang am Boden liegen und Katzen streicheln kann… Mein zu Hause gab mir viel Energie zurück und mit dieser werde ich wieder etwas frischer in das zweite Semester starten.

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Schwarz-Weisse Winterlandschaft

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Der Schnee, die tausenden, millionen weisse Flöckchen, die wie aus dem Nichts vom Himmel gefallen sind, haben alles verändert.

Der Winter hat den ganzen Campus über Nacht eingehüllt. Plötzlich fühlt es sich so viel mehr nach zu Hause an. Die kalte wohltuende Stille, die glasklare Luft, in der man den Schnee riechen kann, ein einsamer Vogelruf und das vertraute Knirschen. Eine schwarz-weisse Welt.

Die ganze Stimmung hat sich verändert. Statt sich am Morgen nach dem Aufstehen direkt an den Schreibtisch zu setzen und für Exams zu lernen, strömten sie in Scharen nach draussen. Das Lachen war über den ganzen Campus zu hören. Für einige war es der erste Schnee im Leben. Ungläubig starrten sie auf ihre Füsse: „Bei jedem Schritt den ich mache, sinke ich da ein!“

Mit dem Schnee hat mich auch die Adventsstimmung endlich erreicht. Aber der Duft von Weihnachtsgutzli, der Schnee, die Weihnachtssterne am Fenster und Orangen lassen mich mein zu Hause und meine Familie mehr vermissen denn je.

Es ist ein unglaubliches Privileg, das ich über Weihnachten zwei Wochen nach Hause kann. Für einige ist die Reise zu lang und zu teuer.

 

 

Kaffee, um wach zu bleiben und Santa Fe

END (European National Day Show)

Der European National Day fand dieses Jahr als erster der sechs Region Days (NAD-North America, CLAD-Carribean/Latin America, FEND-Far East Asia, AND-Africa, MIND-Middle East/India) statt. Nachdem ich als ein Backdropleader für die END Show gewählt wurde, war ich einen ganzen November lang beschäftigt. Mit einem Second-year (aus Sardinien!) war ich für die Planung, Organisation und Umsetzung des Bühnenbildes zuständig. Die Mischung aus italienischem und Schweizer Zeitmanagement war sehr interessant und manchmal ein klein wenig mühsam. Wir haben zwar vier Wochen vor der Aufführung angefangen zu skizzieren und Ideen zu sammeln, doch bei dem ist es dann geblieben. Zwei Wochen später hat die Schweizer Uhr in meinen Ohren sehr laut getickt. (Und ich stellte einmal mehr fest, dass es italienische Uhren nicht gibt…) Die Woche vor END musste alle meine Freizeit daran glauben. Mein Kaffeekonsum stieg gefährlich in die Höhe, da es ja auch noch Hausaufgaben zu erledigen gab um 2 Uhr morgens. Vor und nach all den scheinbar endlosen Proben für die Show hat das Bühnenbild langsam Form angenommen. Zu langsam (für Schweizer Geschmack). Doch wir wurden fertig und die Farbe war zum Beginn der Show trocken (in vergangenen Shows ist es auch schon vorgekommen, dass sie noch nass war). Der ganze END Event bestand aus einem Global Issue Abend am Freitag, wo verschiedene Vorträge von Schülern über die Problemchen von Europa gehalten wurde, der Show über die Kultur von Europa am Samstagabend und einer europäischen Party für die Schüler zum Abschluss. Nachdem die Tech-Crew den Anfang der Show total vermasselt hat, ist alles gut gegangen und wir Europäer konnten das internationale Publikum mit Abba, europäischen Manieren, skandinavischem Humor, Gesang und einem Wiener Walzer begeistern.

Für Neugierige: Die ganze Show wurde aufgenommen: http://livestream.com/uwc-usa/end2015 (leider ist die Tonqualität schrecklich…)

Über den Backdrop: Die Silhouette von Europa repräsentiert die mythologischen Namensgeberin und Vorfahrin von allen Europäern. Europas Profil ist aus einer Collage von Fotos, die Landschaften, Essen, Architektur, Berühmtheiten und Geschichte von Europa zeigen, zusammengesetzt. Der Hintergrund besteht aus einer Zeitungscollage mit Zeitungen in allen Sprachen, die in Europa gesprochen werden und aktuellen News. Das Blau repräsentiert das europäische Blau und steht für die Vereinigung (die goldenen Sterne haben wir für die Schweiz, Norwegen, Albanien und Russland weggelassen 🙂 ) Das ganze wird von einem klassischen Goldrahmen eingefasst.

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Thanksgiving in Santa Fe

Nach all dem Stress und viel zu wenig Schlaf, gab es endlich eine Verschnaufpause. Thanksgiving, Gott sei Dank. Nach den endlos langen Tagen, an denen ich keine einzige Minute für mich hatte und das Treppensteigen zwischen dem Castle und lower-Campus schon fast eine Erholung war, waren die ersten freien Minuten unendlich befreiend.

Auf dem Weg nach Santa Fe, während ich den Campus hinter mir liess und für eine Stunde mit den Augen der vorbeiziehenden Landschaft folgte, stumm das dunkle Wolkenspiel betrachtete und die Gedanken schweifen liess, entspannte sich mein verknoteter und verkrampften Körper.

Die vier Tage über Thanksgiving verbrachte ich in einem traditionellen Lehmhaus in Santa Fe, zwanzig Gehminuten vom Zentrum der Stadt entfernt. Die Einladung an diesen wunderschönen Ort habe ich einer guten Freundin Molly (Alaska) und ihrer Mutter zu verdanken. Santa Fe ist die Hauptstadt von New Mexico und gleichzeitig die älteste Hauptstadt in den USA.  Um 1100 begannen die Pueblos, ein Stamm von Native Americans, der im Gebiet des heutige New Mexico zu Hause war, ein kleines Dorf aus Lehmhäuser zu bauen. 1600 wurde das Gebiet kolonisiert. Bald darauf wurde das Dorf von Spanier eingenommen und auf den langen Namen La Villa Real de la Santa Fe de San Francisco de Asís getauft. Heute ist die kleine Stadt weltbekannt für ihre kleinen gelb-orangen Lehmhäuser. Es gibt keine Wolkenkratzer und lärmige vierspurige Strassen. Dafür gibt es Kunst. Eine ganze Strasse lang reiht sich Kunstgalerie an Kunstgalerie. Jede hat ihre ganz eigene Einrichtung und Atmosphäre. Jede Tür, die man öffnet, hält eine neue Welt dahinter bereit. Manchmal klingelt ein kleines Glöckchen wenn man eintritt und der glänzend lackierte Holzboden knarrt. Manchmal ist es der warme Duft von Zimt und Farbe oder ein klarer, sauberer, weisser Geruch, der die Besucher umhüllt. Nicht alle ausgestellte Kunst ist qualitativ hochwertig aber oft findet man sich in richtigen Schatzkammern wieder, in denen man ewig verträumt Kunstwerke und Skulpturen betrachten könnte.

Santa Fe war Inspiration und Wärme für Körper und Seele. Es gab Essen mit frischem Gemüse und vielen Gewürzen, das meine Geschmackssinne aus ihrem Winterschlaf aufgeweckt hat. Wir haben ein kleines Teahouse in einer verwinkelten Gasse zwischen zwei Kunstgalerien entdeckt, das über 100 verschiedene Teesorten auf der handgeschriebenen Karte hatte. Fast jeden Tag sass ich dort mit Molly an dem kleinen Tisch am Fenster. Manchmal diskutierten wir über Kunst, über Schnecken und über den Sinn, der das Leben machen sollte aber nicht tut. Manchmal betrachteten wir auch nur die kleinen Spiralen des Dampfes von unseren Tees in den letzten Strahlen der Abendsonne. Wenn es dunkel wurde liefen wir durch die Strassen der Stadt und genossen die vielen Lichter und die vielen Menschen, die wir nicht kannten, assen Kürbiseis und lachten. Es tat einfach nur gut all diese Dinge zu sehen und zu tun, die uns in der Seifenblase des Campus verwehrt bleiben. Wir füllten unsere Batterien für die verbleibenden drei Wochen vor den Winterferien und die Final Exams.

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Es geht nicht mehr lange und dann komme ich zurück nach Hause! Ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie sehr ich mich darauf freue, euch alle wiederzusehen!! 🙂 Nicht mehr lange…

fliegen und fallen

Finde ich Worte? Vielleicht…auch nicht. Aber ich werde es versuchen. Teilen tut manchmal gut.

Ein Fluss in einer Glaskugel und ein kleines Stück Tannenholz das darin schwimmt. Vom Wasser und den Steinen wird es geformt. Es gleitet vorbei an Feldern, Dörfer und Städten, ohne es wirklich zu merken, ohne wirklich zu sehen. Nacht und Tag. Die Bedeutung von Gewohnheiten und Alltag hat sich im Fluss aufgelöst. Zwischen all den Dingen, die gar nicht alle zusammen auf einmal gesehen und verarbeitet werden können, bleibt der Blick an den Speichen eines Fahrrades oder an der Zuckerverzierung eines Cupcakes hängen. Am liebsten unendlich lange schauen und staunen. Die Schönheit in jedem Detail geniessen.

Aber dann kommt der Wasserfall, reisst in die Tiefe, ertränkt Illusionen und Wärme. Wieder auftauchen, nach Luft schnappen und von vorne beginnen.

Aber was ist denn Wirklichkeit?

Manchmal stehe ich auf einem Hügel und blicke über den Campus. Manchmal ist es sonnig und ich sehe weit, bis zum staubigen Horizont. Manchmal ist es neblig und es sind nur die Umrisse des Schlosses zu erkennen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich kann im schrecklichsten Wetter so weit auf den Hügel steigen wie ich will, das Schloss wird nicht aus meinem Blickfeld verschwinden. Ich lebe in dieser komischen Glaskugel. Jeden Tag mit denselben Menschen in derselben Umgebung. Hier scheinen die Emotionen von der Glaswand reflektiert. Ärger, Schmerz und Glück verflüchtigt sich nicht einfach in die Luft. Sie vermischen sich zu einer Suppe, in der man jeden Tag lebt. Es ist wie ein zu schweres Parfüm. Und manchmal kann ich den Geruch einfach nicht mehr ertragen.

Es gibt Momente, in denen sich ein ganz spezieller Geruch aus dem Parfüm herauskristallisiert. Sekunden und Stunden, die ich so intensiv und bewusst erlebe, das es surreal und zugleich wirklicher als alles andere wirkt.

Die kleinen Regentropfen auf schwarzem Haar

Milchstrasse und Tränen in den Augen vom Lachen

Umarmung voller Schmerz und Leid

Die Wärme unter der Bettdecke und die nebelverhangenen Hügel vor dem Fenster

Momente in denen ich in diesen (…) Fluss eintauche und unter Wasser atmen kann. So viel Liebe, das sie fast fassbar ist. So viel Bewunderung.

Momente in denen ich glaube etwas zu verstehen. Doch sobald ich anfange zu denken sind sie im Chaos verschwunden.

Was ich am meisten vermisse? Das Gefühl von einem zu Hause mit einem Kaminfeuer und einer Katze. Beständigkeit. Geborgenheit.

Und letzte Woche ist es tatsächlich zum ersten Mal passiert. Flüchtig wie der sanfte Windhauch am Meer in der Dämmerung. Es hat mich eingehüllt und ist einen ganzen Moment lang geblieben…so etwas wie zu Hause, wenn auch ganz anders.

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PECOS Wilderness

Den Kopf ausleeren. Für fünf Tage alles vergessen. Sich nur auf den nächsten Schritt konzentrieren. Sich nur um die nächste Minute, vielleicht um die nächste Stunde sorgen. 38 Meilen durch die Wildnis von New Mexico wandern. Ohne Internet, ohne hysterisches Geschreie und ohne ständigen sozialen Druck.

Während unsere Second-years eine Woche lang ohne Unterricht versuchten alle IB Essays und College Applications zu schreiben, verliessen wir First-years in kleinen Gruppen den Campus und erkundeten in verschiedenen Projekten den Süd-Westen der USA. Und wer hätte es gedacht, ich endete wieder einmal in einer Wilderness Expedition. Mit meiner elfköpfige Gruppe brach ich letzten Sonntag in das Pecos Gebiet, zwei Autofahrtstunden vom Campus entfernt, auf. Unsere Route umfasste ehrgeizige 38 Meilen (ca. 61 km) und führte über Berge und durch Täler zwischen 2500 und 4000 Höhenmeter. Es waren wahrscheinlich die körperlich anstrengendsten fünf Tage, die ich bis jetzt in meinem Leben erlebt habe. Unzählige Momente hielt mich nur einen dünnen Faden vor dem Aufgeben zurück. Jedes Mal fand ich irgendwo tief vergraben ein kleines Stück Kraft, das mich doch noch den nächsten Schritt machen liess. Mein Durchhaltevermögen hat mich von neuem überrascht und mir die Sicherheit gegeben, das ich die nächsten zwei Jahre hier schaffen werde. Egal wie stark die Strömung ist, egal wie aussichtslos Situationen scheinen und egal wie hoch die Berge vor mir aufragen.

Am Sonntag morgen beluden wir früh vor der Dämmerung unseren kleinen Bus. Es regnete in Strömen und unsere Ausrüstung war schon bevor wir anfingen zu wandern durchnässt. Skeptische Blicke im Halbdunkeln vermischten sich mit leisen Fluchworten. Die Begeisterung hielt sich ziemlich in Grenzen. Als wir schliesslich losfuhren hallten die Worte unseres Leaders noch lange in meinem Kopf nach. Was immer wir in den nächsten Tagen erleben, sei es Kälte oder Erschöpfung, wir sollten es einfach hinnehmen und nicht bewerten, dafür aber von den guten Momenten und von der Schönheit der Landschaft zehren.

Als wir nach einigen Stunden Vorbereitung, Busfahrt und Essensaufteilung alle mit unseren beladenen Rucksäcken bereitstanden, schien die Sonne. Die Wolken hatten sich verzogen und die Pecos Berge ragten in ihrer ganzen Schönheit vor uns auf. Zwischen den immergrünen Pinien und Tannen leuchten die gelb verfärbten Aspen und erinnerten mich daran, dass es auch hier einen Herbst gibt. Wir wanderten den ganzen Tag durch ein langes bewaldetes Tal und schlugen unsere Zelte auf einer grossen Lichtung auf. Es bildete sich langsam eine Gruppendynamik und wir bekamen eine ungefähre Idee davon, wie die nächsten Tage funktionieren sollten. Aufstehen mit der Dämmerung, Abbrechen des Camps, Frühstück nach zwei Meilen auf dem Trail, lange kräftezehrende Aufstiege, Überquerungen von Bächen, immer weitergehen, Schritt für Schritt, Aufschlagen der Zelte, Kochen, Wasser suchen und Schlafen. Diese Ereignisse blieben jeden Tag gleich aber dazwischen gab es emotionale, epische, schreckliche und atemberaubende Momente. Hier nur ein paar wenige davon:

Im Schein der Stirnlampen sieht man den gefrorenen Atem. Unsere Hände und Füsse sind zu Eisklumpen gefroren und tauen nun langsam im dicken Daunenschlafsack wieder auf. Erst jetzt bemerke ich wie sehr mein ganzer Körper schmerzt und wie müde ich bin. Mit jeder Minute wärmt sich mein Schlafsack mehr auf und ich spüre die Kälte nur noch auf meinem Gesicht. Micaela liest uns Gedichte aus einem Buch, das ein ehemaliger UWC USA Schüler geschrieben hat, vor. Die Worte sickern in mein Bewusstsein und verlieren sich irgendwo in meinem Kopf, bis ich einschlafe.

Wir wandern durch ein riesiges Waldstück, das vor zwei Jahren gebrannt hat. Die kohlenschwarzen Stämme ragen wie Grabsteine in den Himmel. In dem aschenhaltigen Boden wuchert eine Pflanze mit weissen Blüten. Ein schwacher Wind weht und lässt mich frösteln. Die ganze Landschaft ist wie von einer anderen Welt. Wir verlieren den Trail und müssen unseren eigenen Weg durch die verkohlten Baumstämme suchen. Es fängt an zu hageln und plötzlich brechen Sonnenstrahlen durch die Wolken und tauchen den toten Wald in ein grell weisses Licht.

Ich sitze auf einem Hügel, gerade so weit von unserem Camp entfernt, das ich Stimmen nur noch leise hören kann. Unter mir spiegeln sich die Berge in einem kleinen spiegelglatten See. Kein Windhauch bläst die Wärme der Sonne auf meiner Haut weg. Ich sehe über den See und die Tannenspitzen hinweg auf unendlich weite Wälder, Hügel, Lichtungen und am Horizont im Dunst hohe Berge. Keine Gedanken verlangen meine Aufmerksamkeit. Ich bin ausgefüllt mit einer lang vermissten Stille und Ruhe.

Meine Augen sind auf die Wanderschuhe vor mir fokussiert.  Sie steigen einem unglaublichen Tempo den steilen Weg hoch. Meine Füsse versuchen mitzuhalten. Jeder Schritt schmerzt. Aber irgendwann ist das Gewicht des Rucksacks vergessen und die Bewegungen sind automatisch. Ich versuche mich selbst zu vergessen. Alle Beschwerden lösen sich plötzlich von meinem Körper. Ich atme und gehe. Ohne wahrzunehmen. Schritt für Schritt, Meter für Meter in die Höhe. Und nach einer Ewigkeit ebnet sich der Weg. Mein Blick löst sich vom Boden und ein plötzlich triumphierendes Gefühl ersetzt die Leere.

Meine Hände umklammern die dampfende Schale mit Haferflocken, Milchpulver, Rosinen und heissem Wasser. Nebel, Regen und eiskalter Wind attackieren uns. Zitternd drängen wir uns zusammen und löffeln unser Frühstück. Der Wind ist bis auf die Knochen zu spüren. Vor uns liegen 6 Meilen und zwei Gipfel.

Der Waldboden ist bedeckt von leuchtend gelben Aspenblätter. Meine Füsse schweben über den gelben Teppich. Ich geniesse jeden Schritt und die letzten Minuten in der Wildnis. Wenn ich mich umdrehe sehe ich in stolz strahlende Gesichter. Wenig später taucht der Parkplatz mit unserem kleinen Bus vor uns auf. Ein Moment der Euphorie.

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