Zeitreise

Meine lieben Blogleser

Für das erste und letzte Mal fehlen mir die Worte. Der kreative Wildbach in meinem Kopf hat sich zurückgezogen und in einem kaum zugänglichen Teil meines Gehirns verschanzt. Vielleicht fürchtet er, die Erinnerung zu verlieren.

In den viel zu heissen Nachmittagsstunden auf einem Campingplatz am Lake Powell in Utah öffne ich zum ersten Mal meinen Computer. Der letzte tränenverschleierte Blick auf das rote Schloss liegt nun schon drei Wochen zurück, doch meine Gedanken haben sich kaum geordnet, werden es vielleicht nie tun. Vorsichtig gehe ich zurück in der Zeit, springe von Felsen zu Felsen, die aus dem Meer der Emotionen ragen. Mit einem Sicherheitsabstand bleibe ich auf den Klippen sitzen, spähe in das Chaos, beobachte. Die Schaumkronen der höchsten Wellen streifen mich. Vollkommen subjektiv wird auch dieser Bericht nicht werden, im Gegenteil…

Ich blättere durch die Seiten meines Journals, zurück in die Wochen vor Graduation.

  1. Aprilimag2404.jpg

We get lost starring into the river reflections of the willow tree. Lost in an afternoon between exam stress, humming birds and the aftertaste of mango on our tongues. Where am I? In transition, sitting on the peak of a perfect mountain, in constant transition of climbing and descending. In the moment of creation, youth, in observation and silent absorption. Building a home inside of me, a place to stay in difficult times, times to come.

 

  1. April

Zurück am Rim in der Abensonne. Zurück im roten Sandstein. Zwischen den Krähen im Wind. Der Stille der Wüste. Carlies atmender Rücken zusammengerollt an meine Beine gelehnt. Atem. Nur Atem und die Restwärme des Frühlingtages.

IMG_6599IMG_6581

  1. April

Linie

Linie, der Kondensstreifen eines Flugzeugs am dunkelblauen Himmel.

Das fragile Werk menschlicher Kultur, Normen, die durch zusammengebissene Zähne und einen scharfen Seitenblick, manchmal auch unsichtbar und wie ein scharfes Messer, das innerlich zerschneidet, von der einen zur nächsten Generation gegeben werden.

Und wer es nicht versteht, wird spätestens in der Schule auf die Nase fallen und den Asphalt mit einer Linie aus gefallenen Bluttropfen dekorieren.

Linien

Ein Gitter weisser Kondensstreifen am Himmel. Was kümmern sich die Sterne darum?

Meine Hand überquert die Linie.

Ein unerwidertes Lächeln, ein Atemzug, ein spitzer Stein, der ins Rückgrat drückt.

Wie werde ich mich erklären können?

IMG_7176

  1. Mai

Es gibt eine Parallele zum Normalen. Wir haben sie gerade gefunden. Langsame Schritte durch die dinning hall. Zeitlupentempo. Ein Schritt und ein nächster. Eine Melone und eine andere. Die orange Süsse entfaltet sich. Der Weg zurück zu unserem Platz. Langsam. Die Welt ist wunderschön und Zeit ist so relativ. Wir leben nur viel zu schnell, um zu sehen. Es gibt nur voran, schneller, schneller, schneller. Wir sind gefangen, haben uns selbst gefangen. Was machen wir hier? Stunde um Stunde an diesem Tisch neben dem Fenster? Köpfe vollstopfen. Unnütz? Was ist nütz? Was spielt es für eine Rolle? Eine? Keine? Eine. Keine. Keine. Eine. Ein. K. Ne. e.

10, 11, 12, 13 Jahre Schule, Noten, Druck, Stress, Wettbewerb. Wieso machen wir uns so sehr weh? Würgen, bis die Kinder kaum mehr atmen können, mit zu wenig Sauerstoff aufwachsen. Hassen zu lernen. Lernen zu hassen. Statt zu schreien, rollt eine einzelne einsame Träne der Verzweiflung über dein Gesicht und ich finde keine Worte zum Trost.

18556310_10155288170364376_3071985265052928326_n

  1. Mai

My bare feet touching the wet pine needle ground. It is soft and cool. I smell rain and feel the briskness of the air. Conflicting feelings about leaving and wanting to stay tear my body apart. Su Lynn takes my hand. “Once there were two little goats living by the sea. They were playing all day long at the beach and one day they found an elephant tooth washed ashore by the waves of the last storm…” And so we disappear in the magical land of the two little goats, far away from pain and time, wandering on the trails behind the castle.

  1. Mai (a collection of different voices from the very last tweed session)

Walking through my door. Hundreds of times a day. Putting things here and there. Putting them away. Into my suitcase. Material, my belongings wander through my hands. And soon I can’t feel them anymore. My hands become numb. Together with my heart.

There is something about leaving that makes me so painfully aware of the importance and significance of all these small daily life gestures. Something that makes me hesitate before smiling back at my friend, that makes me wait a couple of seconds before answering to the knocks on my door. It’s the feeling of having to start to give up some of these small but infinitely meaningful parts of my life here, because soon, those are the ones I’m gonna have to live without.

How will it be not having my friends live next door or just down the stairs? I savor the twenty seconds that I need to jump down, feel the carpet underneath my feet and knock on the door, like so often. How can I eat without first looking for the craziest table which will have the most interesting talks, or the quiet one where I can hang around my thoughts in company? I savor the moment that I take to scan the dining hall, catching phrases of conversations, looking into familiar faces.

__________________________

Und dann, am 20. Mai, bin ich lächelnd und barfuss das Graduation Podium hochgestiegen. Habe Codou umarmt. Habe das dunkelblaue UWC Diplom in Empfang genommen. Bin gegraduated!

IMG_7502

Der Endpunkt von 2 turbulenten Jahren. Zeit, sich darüber ein paar Gedanken zu machen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s