Kehrseite

Ich sitze in meiner Hängematte im Schatten der Aspen mit ihren satt grünen Blättern, die im Wind rauschen. Seit einigen Tagen studiere ich an der Fortsetzung dieses Abschlussblogs herum. Wie soll ich die Kehrseite meiner UWC Zeit in Worte fassen? Es ist so viel einfacher über die guten Dinge zu schreiben.

UWC makes education a force to unite people, nations and cultures for peace and a sustainable future.

Das ist er, der grosse Werbespruch und die Mission der UWCs. Vielversprechend. Der Grund, warum sich jedes Jahr tausende von Jugendlichen bei ihren national committees bewerben.

Und ja, die Idee ist gut. Grossartig sogar. Lass Jugendliche aus aller Welt für zwei Jahre zusammen in einem Internat leben und schau was dabei herauskommt. Die Idee hätte riesiges Potential. Aber momentan zeigen die grossen Werbeplakate mit den lachenden jungen Gesichtern in unterschiedlichen Hautfarben den grossen Wörtern wie „intercultural understanding“ oder „community for peace“, ein überspitztes Bild von dem was UWC ist. Zuallererst ist es nämlich eine Oberstufenschule, mit deren Abschluss man Zugang zu den meisten Universitäten in der Welt hat. Gleichzeitig ist, wer in seinen Lebenslauf UWC reinschreiben kann, im Wettbewerb um die besten Collegeplätze einen Schritt voraus (UWC Absolventen sind allgemein beliebt bei Colleges und Universitäten). Der akademischen Teil, das IB, ist ein enormes Energie- und Zeitfressmonster, das vom ersten Schultag Stress verbreitet. Dazu kommt das Leben an einem Internat, das kaum Rückzugsmöglichkeiten bietet, um sich hinzusetzen und in Ruhe Schularbeiten zu erledigen. Hundert spannendere Sachen bieten konstante Ablenkung. Das Angebot von Aktivitäten neben der Schule ist fast endlos und man kann sich wunderschön darin verlieren, hundert Dinge gleichzeitig machen und immer noch das Gefühl haben, alles zu verpassen. Und dann ist man die ganze Zeit von zweihundertdreissig interessanten Menschen umgeben, die man gerne alle irgendwie kennen lernen will aber nicht mal für die engsten Freunde genug Zeit hat. Schlafen hat man da auch noch nicht mitgerechnet.

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Mit diesem Lebensstil ist effektive Energieverteilung gefragt. Was ist am Wichtigsten? Gute Noten und die Zukunft? Möglichst viel Verrücktes erleben? Spontanität? Menschen? Ein spezielles Projekt? Schlaf? Es gibt eine endlose Liste. Die meisten finden irgendwo einen Mittelweg. Dennoch ist die Energieverteilung alles andere als effektiv. Es gibt zu viele Projekte, deren Grundgedanke zwar gut ist, doch die Umsetzung an der Unzuverlässigkeit von Schüler, die schon zu viel machen, und überlasteten Lehrern leidet. Es ist schwer, sich auf ein paar wenige Dinge zu konzentrieren, denen man dafür volle Aufmerksamkeit schenken kann. Irgendwer oder Irgendwas leidet immer, sei es die Schule, gute Vorsätze, Versprechen oder Freunde. Zeit und Energie sind zwei grosse Probleme, die von kaum jemandem elegant gelöst werden können. UWC stellt grosse Dinge auf die Beine, ja, Fundraising für den Homeless Shelter, 3 aufwändige Regional Day Shows pro Jahr, Serviceprojektwochen an der Grenze zu Mexico, eine Annual Conference mit Speakers aus dem ganzen Land und darüber hinaus, das wachsende Wilderness Programm, die Schulfarm und viele „nebendran Projekte“. Und doch ist damit nach meiner Meinung nur ein kleiner Teil des Potentials genutzt, das UWC hat. Weniger wäre so viel mehr.

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Das Wurzelschlagproblem

UWC bietet ein extrem nahrhafter Boden mit fast unbegrenzten Möglichkeiten sich zu verausgaben, Neues auszuprobieren oder das zu tun, was man leidenschaftlich gerne tut. Doch nicht alle können Wurzeln schlagen in diesem Boden. Es gibt second years, die auch im letzten Semester einfach immer noch gar nichts auf die Reihe kriegen und sich in konstanter Erschöpfung in ihrem Zimmer verkriechen und nicht mehr wirklich einen Teil der Gemeinschaft sind. Für manche funktioniert UWC einfach nicht, aus den verschiedensten Gründen. Auf der anderen Seite gibt es die, die erst richtig aufblühen mit all den Möglichkeiten und erfolgreich zwischen Schulstress, Schlafen und allem anderen balancieren, strahlen und dabei ganz alleine Erstaunliches auf die Beine stellen. Natürlich gibt es auch die verschiedensten Graustufen zwischen den beiden Extremen. Ob UWC klappt oder nicht, kann leider niemand voraussagen. Ausprobieren ist das einzige, das hilft. So ist die Schülergemeinschaft ein Gemisch aus hochmotivierten, depressiven, launischen, still kämpfenden, laut heulenden, glücklichen und unglücklichen Jugendlichen, die nicht immer gut funktioniert. Die Motivierten nerven die Demotivierten und veranlassen sie dazu, sich über alles in dreifacher Lautstärke zu beklagen, die Depressiven tendieren dazu, alles in ihrem Nähren Umkreis in ein schwarzes Loch zu ziehen, die „Reifen“ regen sich über die „Unreifen“ auf, die Weltverbesserer resignieren mit einem Seufzer der Verzweiflung über die unverständlichen in Stein gemeisselten Regeln der undurchsichtigen Administration, aus einer Mücke wird fast immer ein Dinosaurier und die Schüler wenden sich gegen die Lehrer und umgekehrt anstatt zu reden. Umgekehrt werden second years zu den geliebten grossen Geschwister der firsties, Freundschaften zwischen Schüler und Lehrer entstehen, Konflikte werden auf Weisen gelöst, die wirklich Hoffnung auf Weltfrieden geben, die Motivierten tun sich irgendwann zusammen und lernen ohne die Demotivierten auszukommen, die ganze Schülergemeinschaft streikt kollektiv wenn ihnen eine undemokratische oder undurchsichtige Entscheidung der Schulleitung nicht passt und die meisten Wilderness instructors, die von aussen zum UWC kommen und trips leiten sind oft so begeistert nach einer Woche, dass sie sofort Lehrer werden möchten. Balance in der Dynamik der Gemeinschaft gibt es kaum, es ist ein ständiges auf und ab, das so oft hindernd wirkt und Frustration verbreitet.

Frustration mit der Schule

Ich habe schon einmal über den akademischen Teil am UWC geschrieben und darüber, dass das IB und UWC unmöglich Hand in Hand gehen können. Entweder das eine oder das andere ist erfolgreich, doch ergänzen können sich die beiden nicht.

Neben dem Lehrplan, der uns in Fächern wie Bio oder Wirtschaft zu Auswändiglernrobottern machte, gab es auch Lehrer, die enttäuschten. Ich weiss nicht genau, was ich erwartet habe aber trockener Frontalunterricht für Wirtschaft und Mathe oder eine Biolehrerin, die keine Frage beantworten kann, die auch nur einen Millimeter über den Lehrplan hinausgeht, ganz sicher nicht. UWC USA liegt nun mal irgendwo im nirgendwo und die perfekten Lehrer zu finden, die sich für mehr als ein Jahr in dieser Bubble wohl fühlen, gleichzeitig leidenschaftlich unterrichten und dazu viele Verantwortungen, die nichts mit der Schule zu tun haben, übernehmen und mit der vielen Arbeit umgehen können, ist sehr schwer.

Und die andere Seite davon…

Es gibt einen Kern von absolut genialen Lehrern. Hochinteressante Persönlichkeiten mit viel Wissen, die nicht wirklich Lehrer sondern ein fester Teil der Schülergemeinschaft sind. Doug, der Englischlehrer, der einfach weil es ihn interessierte einen Morgen lang mit mir und Anneli zum Klettern kam, als Freund, und neben seinen Klassen ein hochmotiviertes Rugbyteam trainiert. Ben, der Environmentalist der Schule, der jedes Jahr aufs Neue versucht die ganze Schule für die Farm zu begeistern und an Thanksgiving eine Gruppe Schüler zu Standing Rock mitnahm, um den Protestierenden Zelte und Feuerholz zu bringen. Colin, der seit 30 Jahren Kunst unterrichtet und es nicht müde wird der beste Kunstlehrer auf Erden zu sein. Katrin, die Deutschlehrerin, die sich mehr für meine mentale Gesundheit und für Pferdegeschichten als für einen guten Aufsatz interessierte. Einige von ihnen hatten einen grossen Einfluss auf meine Entwicklung. Sie waren Freunde, Inspiration, Gesprächspartner und Seelsorger.

Das Wunderrezept

Für mich war UWC nicht, was das Mission Satatement oder die Werbevideos versprachen. Es war etwas, was ich niemals in Bilder oder Worte fassen kann. Ich war eine der Glücklichen, für die UWC funktionierte. Der Stress des IBs hat mir am Ende nicht viel anhaben können. In das Klagelied der Depressiven einzustimmen war nie eine Option. Kein scheinbares Dinosaurierproblem konnte mich für lange Zeit aus der Bahn werfen. Ich habe es irgendwie herausgefunden. Es gab ein Wunderrezept aus guten Menschen, richtig eingesetztem Nein-sagen und viel Spontanität, das für mich funktionierte. Auch wenn es schwer auszuhaltende Zeiten gab, wollte ich nie wirklich nach Hause. Ich hatte immer das Gefühl am richtigen Ort zu sein. Was mir UWC gegeben hat und was ich gelernt habe war so viel mehr als ich mir jemals hätte wüschen können. Das war meine Erfahrung, die man auf keinen Fall verallgemeinern kann. Jeder UWC Alumni wird eine ganz andere Geschichte erzählen. Doch vielleicht gibt es doch ein allgemeines UWC-Naturgesetz: die Verantwortung für dein Glück trägst ganz allein du.

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