Getauft vom Feuer und Wasser

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Meine diesjährige Frühlingsprojektwoche war eine 5 tägige Wanderung durch den Coyote Gulch Canyon in Utah. Unsere Gruppe bestand aus 10 second year Wilderness Leaders und zwei Instructors. Die Woche war eine Fortsetzung des Wilderness Trainings und zum ersten Mal haben wir Schüler unseren Trip mit fast absoluter Freiheit alleine gestaltet und geleitet. Die beiden Instructors waren eigentlich nur als Notbremse und Lebensretter oder für inspirierende Nachtdiskussionen da. Mit der Freiheit, selbst entscheiden zu können wie was funktionieren soll, haben wir auch viel Verantwortung und Vertrauen bekommen. Es war ein gutes Gefühl, dass uns Erwachsene für einmal einfach machen liessen weil wir vollständig im Stande waren, das Risiko einzuschätzen und gute Entscheidungen zu treffen. Dieser Trip war, auf was wir alle seit einem Jahr hingearbeitet haben. Viele reife Früchte konnten von dem UWC-Baum geerntet und genüsslich verzehrt werden. Es war eine körperliche und mentale Reise durch eine gefährliche und gleichzeitig umarmende Landschaft. Eine Reise durch das unerschöpflich schlagende Herz des UWC USA.

Über die Wüste

„Noon is the crucial hour: the desert reveals itself nakedly and cruelly, with no meaning but its own existence.“ -Edward Abbey

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Die Luft über dem roten Sand flackert in der Mittagshitze. Die Wüste zerrt an meiner Haut. Meine Zellen versuchen verzweifelt sich zu verschliessen. Jeder Tropfen Wasser ist wertvoll. Ich werde ausgesaugt und zurückgelassen als ein winzig kleines Lebewesen in einer endlosen Ebene umarmt von Todesstille.

Die Wüste beherbergt nur hoch angepasstes Leben. Sie ist bedrohlich und gross. Ihre Leere ist voller versteckten Gefahren. Wer nicht weiss wie sich zu schützen, ist verloren.

Im Vorbeigehen sehe ich eine kleine violette Blume. Mir ist schwindlig von der Hitze. Wenig später tauchen weitere Blümchen in den Ritzen des roten Gesteins auf. Ein Bild aus der Fantasie meiner Kindheit, das entstand als Mama mir die Unendliche Geschichte vorgelesen hat, taucht vor meinen Augen auf. Wüstenblumen in allen vorstellbaren Formen und Farben. Einbildung und Wirklichkeit verschmelzen für einen kurzen Moment im Delirium der Hitze.

In der letzte Nacht sitze ich mit Laine unter dem Sternenhimmel. Die kalte Luft von weit oben ist auf den heissen Sand gesunken. Die Wüste ist in das Licht des aufgehenden Mondes getaucht und erstreckt sich meilenweit vor uns. Ein wellenartiges Hügelland aus Sand und Stein, Licht und Schatten.

„Die Wüste verwirrt mich.“

„Da sind so viele Gegensätze. Es ist eine immense Kraft, die sie in sich trägt, die zugleich anzieht und abstosst.“

„Stell dir vor, du lernst die Wüste kennen. Ich meine richtig gut. Ich glaube
kaum eine andere Landschaft erlaubt eine so intime Beziehung.“

„Es ist ein bisschen wie den Körper eines anderen Menschen blind zu kennen.“

„Aber Freundschaft mit der Wüste zu schliessen braucht Zeit.“

„Viel Zeit. Und Geduld.“

 

Über die Menschen -Geschwister und Solo

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Viele Male habe ich nun den Prozess der Gruppenbildung in der Wildnis erlebt. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe Jugendlicher trifft sich, tastet sich aneinander heran, diskutiert, kritisiert, akzeptiert und versteht sich am Ende auf die eine oder andere Weise. Bald findet jeder seinen Platz und seine Rolle in der Gruppe. Wir werden ein Wolfsrudel. Wir sind eine Familie, Brüder und Schwestern, die aufeinander aufpassen, streiten und vergeben, ineinander gekuschelt schlafen, zusammen lachen und weinen. Wir second year Wilderness Leader sind Hand in Hand durch unsere Ausbildung gegangen. Jeder teilt eine spezielle Erinnerung mit jemand anderem. Diesmal hat sich die Gruppe schneller als je zuvor gefunden. In Krisensituationen während dem Wandern oder in den Abendtreffen wurde niemand verschont. Ehrliche und ernste Worte, Geständnisse und Lösungen für Probleme wurden ausgetauscht und gefunden und hinterliessen ein Gefühl von Stolz. Wir sind die wacklige Strickleiter hochgeklettert, stehen am Ende unserer Ausbildung und haben tatsächlich etwas erreicht. Jeder für sich selber und alle zusammen, so kitschig es auch klingen mag.

Ein 24-Stunden Solo am zweiten Tag brachte Kontrast in das Gruppenleben. Jedem wurde ein eigenes kleines Revier in einem 2-Meilen Abschnitt des Canyons zugeteilt und da verbrachten wir einen Tag und eine Nacht für uns alleine ohne jeglichen Kontakt zueinander. Stunde für Stunde leerte sich mein Kopf. Mit jedem Atemzug löste sich die über Wochen angesammelte Spannung in meinem Körper. Ich bin in eine herrliche meditative Trägheit und Entspannung gesunken, die nur von Zeit zu Zeit durch die Echos unsichtbarer Wanderer unterbrochen wurde.

Ich bin ein Mensch
Ich bin ein Stein
Ich bin eine Eidechse
Ich bin keines davon
Ich lebe in einem Zwischenraum
Ich bin
Ich bin nicht mehr als das vorbeiziehende Echo
Ich sehe meine Schatten über den roten Felsen wandern
Ich rieche heissen Sand
Ich warte
Echos
sie verletzen die Stille
Menschenstimmen
sie gehören nicht
Ich gehöre nicht
Hör auf
Bitte
Hört auf
laut zu sein

 

Feuer und Wasser

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Wüste und Wasser
Heiss und Kalt
Statisch und Fliessend

Ich  liege mit ausgebreiteten Armen auf dem nassen orangen Sand. Seichtes kaltes Wasser umfliesst meinen Körper. Durch die geschlossenen Augenlieder kann ich das gleissende Sonnenlicht sehen. Es ist heiss. Alles glüht. Auf der anderen Hälfte meines Körpers kühlt das eiskalte Wasser das aufgeheizte Blut in meinen Adern. Unsere Fingerspitzen sind in den Sand gegraben und unser Lachen hallt von dem Sandsteinbogen hoch über unseren Köpfen wieder.

Heat
Cold
Life
Death
That’s it

Es ist schwer sich der Kraft der Elemente zu entziehen, wenn sie eine so starke Präsenz haben. Gegensätze, die alles bestimmen, auf die man sich verlassen kann. Unser ganzes Leben richtete sich für eine Woche nach dem Feuer und dem Wasser aber auch nach der Luft und der Erde. Es ist so unglaublich einfach, dieses Leben.

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Thank you Laine & Fiona for some of the great pictures!

 

Nach Hause kommen

Der Wechsel von einem Schlafsack unter dem Sternenhimmel in ein geschlossenes Zimmer ist immer ein bisschen schwerer als anders herum. Mit einem Wildernesskater spaziere ich am Samstagmorgen früh zum post office. Der Campus ist noch still. Wir sind unter den Ersten, die zurück gekommen sind. An der kleinen Holzbrücke treffe ich Adrian, der auf die Farm aufpasst. Wir reden über Spinat, Utah und die Kletterprojektwoche, die er begleitet hat. Auf dem Weg zurück zur Schule ruft jemand „Hallooo Selina!“. Meine „hide-aways“, Freunde aus Montezuma, winken von ihrer Veranda und ich verspreche bald zum Kaffee vorbei zu kommen und von meinem Erlebten zu erzählen. Zum Campus zurück zu kommen ist wirklich zu einem „nach Hause kommen“ geworden.

Die Projektwoche markierte einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zur Graduation und nun haben wir auch den schon überschritten. Die Zielgerade liegt nun plötzlich sehr klar und provozierend vor mit. Doch es gibt noch so viel zu tun: die Kunstausstellung, Expressions, Ostern, Lagerfeuer, Kletternachmittage und endloses Lernen auf die Finals…

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