Inmitten

Inmitten unserer Bubble leben wir vor uns hin.
Inmitten gleichgesinnten Idealisten.
Im Nirgendwo, zwischen den Bäumen, an einem einsamen Highway,
in dem roten Schloss auf dem Hügel.
Wir diskutieren, machen komische Grimassen und von Zeit zu Zeit schreien wir
in den Wald hinaus,
wo ein Vogel erschreckt davon flattert.

Wir leben vor uns hin, während das Land, in dem wir leben von einer unwirklichen Macht in die Hand genommen wurde. Meinungen polarisieren sich und reissen einen immer tiefer werdenden Abgrund in die Vereinigten Staaten von Amerika. Jeden Tag steigert sich die Messlatte für schlechte Nachrichten, auch wenn man das Stunden zuvor noch für unmöglich gehalten hat. Wie viel kann dieses kleine blonde Rumpelstilzchen denn noch anstellen mit seinem Kugelschreiber wie ein Kampfschwert in der Hand? Wohin wird das führen? War das eine erste Explosion und dann wird sich alles beruhigen oder war das erst der Anfang? Was können wir tun? Kann UWC irgendetwas tun? Wird sich die Geschichte wiederholen? Kehrtwende? Faschist? Krieg??

Wir leben in einem Fragezeichensalat gewürzt mit Wut und Angst.

Eine Ebene tiefer, in mir drin, mein eigener Fragezeichensalat. Still bleiben? Habe ich das Recht etwas zu sagen? Etwas zu kritisieren in einem Gastland? Ist es meine Verantwortung etwas zu sagen? Was macht meine Stimme in diesem Aufschrei aus? Weiss ich genug, um überhaupt irgendwas sagen zu können? Fragen weben ihr klebriges Netz, hindern mich Antworten zu finden.

Und während meine Gedanken immer lauter werden, bleibt meine Stimme still.

 

Inmitten diesem politischen Weltdrama, das uns in seiner Kraft nur mit den äussersten Fingerspitzen berührt, leben wir dahin.

Die Tage und Wochen ziehen wie Wolken über den Himmel. Zeit existiert mal mehr, mal weniger. Unter einem mondlosen Himmel sitze ich mit einer Freundin auf den Stufen zur kleinen Kapelle im Wald. Unsere Worte bilden ein Schutzschild gegen die Winterkälte. Geflüsterte Worte, die sich im Sternbild des Oreon über uns, in den Tiefen einer komplexen Freundschaft und unendlichen Fragezeichen verfangen, im Rhythmus des Windes lauter und leiser werden und sich im warmen Atem des anderen auflösen.

„Conversation is the vehicle for change. We test our ideas. We hear our own voice in concert with another. And inside those pauses of listening, we approach new territories of thought. Words fly out of our mouths like threatened birds. Once released, they may never return. If they do, they have chosen a home and the bird-words are calmed into an ars poetica.“ -Terry Tempest Williams

Annual Conference. In den letzten Tag hat sich der Campus in verrückt gewordenes etwas verwandelt, das kaum zu kontrollieren ist. Es kommt mir vor, als sind noch viel mehr Gäste da als im letzten Jahr. Lange Reden, in denen mit vielen wichtigtuerischen Wörtern um sich geworfen wird: JUSTICE, TOLERANCE, INTERNATIONAL, UNDERSTANDING, FUTURE, HOPE, ENVIRONMENT, MULTICULTURAL, PROBLEM, RESOURCES, VALUES, TOGETHER, COUNTRY, DEMOCRACY, was will man mehr? Workshops, Dokumentarfilme und Diskussionen, alles dreht sich um das Thema „Justice in an urgent era“. Naja, vielleicht fast alles. Auf jeden Fall bin ich, etwas verwirrt von den vielen Leuten, in einem Workshop gelandet, der anscheinend nur für Lehrer gedacht war. Ich habe gefragt, ob ich trotzdem bleiben kann und habe für zwei Stunden den Klagelieder über das Lehrerleben zugehört. Man lernt immer etwas… Mein Gespräch mit den Referenten danach dreht sich um das UWC Wilderness Program und endet mit einem Austausch von Email Adressen, um einen Kletterwettkampf zwischen UWC und Schülern der Destert Academy in Santa Fe zu organisieren. Was genau das mit Justice zu tun hat, weiss keiner so genau. Aber warum denn nicht?

Ein Moment für mich. Unter den ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres, die meine Oberarme verbrennen, bearbeite ich die trockene Erde mit einem Spaten. Ein Samstagmittag auf der Farm. Mein Projekt ist es, ein kleiner Kräutergarten anzulegen mit vielen einheimischen Pflanzen und Heilkräutern. Mein Beitrag zu einem gesünderen und bewussteren Umgang mit dem eigenen Körper hier auf dem Campus, eine Bewegung gegen eine Kultur, die sich mit Chemie vollstopft, um zu funktionieren.

Ein Mittwochabend im Homeless Shelter von Las Vegas. In diesen Wochen kommen immer viele Leute. Es ist zu kalt in den Nacht. Wir helfen das Essen und heissen Kaffee zu verteilen und setzen uns an den Tisch zusammen mit zwei jungen Männern. Hannah hat Würfel mitgebracht und wir spielen Yatzy. Nach der ersten Runde können wir mehr Leute zum Mitspielen begeistern. Das zweite Spiel ist zu ende und aus dem Nichts fängt einer der jüngeren Männer an, mir seine Geschichte zu erzählen. Worte kommen wie ein Wasserfall aus seinem Mund, ergiessen sich über mir, machen mein Herz schwer. So viel Ungerechtigkeit in diesem System. Was weiss ich denn schon über Hunger, über pures Überleben in einer Januarnacht und Krankheiten, für deren Behandlung es kein Geld gibt. Was soll ich antworten? Wohl wissend, dass meine Worte kaum Trost und schon gar keine Hilfe spenden werden, probiere ich es vorsichtig trotzdem.

„I believe my own voice continues to be found wherever I am being present and responding from my heart, moment by moment. My voice is born repeately in the fields of uncertainty.“ -Terry Tempest Williams

Inmitten von all dem rückt ein Ende Tag für Tag näher. Ich möchte nicht darüber nachdenken, nicht schreiben, nicht einmal träumen.

Vor zwei Wochen besuchte eine von meinen Second years den Campus. Mit ihr zusammen kamen alle Erinnerungen von letztem Jahr zurück. So klar, schmerzhaft, emotional und überwältigend. Eine grosse Schwester ist zurück gekommen. So lange hat mich niemand mehr in den Armen gehalten, der den Weg vor mir gegangen ist, weiss, dass alles gut wird.

„When I left UWC, there was a big hole in my heart because I never loved so deeply in my life before. It hurt a lot. But then I figured out that new people filled everything that was empty again. Once you learned how to love, everytime there are new people, your heart will open again and let them in. When people leave the hole streches and that hurts but it is going to be ok.

I promise.“

 

 

 

 

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