WinterWortExperimente

2. Dezember     Die Schneeflocken haben heute Nachmittag angefangen den Campus zuzudecken. Eine dünne, weisse Pulverschicht rundet Ecken und Kannten. Hysterisches Lachen hallt vom Hallway durch die Zimmertür. Eine herumgeworfene Orange liegt zerschmettert auf dem rotbrauenen Teppichboden. Meinem Gehirn fällt es schwer einen Gedanken zu produzieren. Mein Körper presst sich an die schnaufende Heizung, rollt sich ein, dreht sich um. Schon wieder ist eine Unterrichtsstunde ganz ohne mich zu Ende gegangen. Gibt es freien Willen überhaupt? Es hat aufgehört zu schneien. Morgen wird ein blauer Himmel mich und all die gefrorenen Wasserkristalle wieder verschlucken. Einzig die Schattensilhouette des Juniperbusches neben dem Castle bliebt weiss. Es gibt noch ein paar wenige Schularbeiten. Zu wenig, um sich aufzuraffen und sich richtig darum zu kümmern. Zwischen hustenden Lehrern und schlafenden Schülern schleicht die Zeit dahin. Müde, müde, alle sind müde. Von Zeit zu Zeit findet sich ein kleines Restchen Energie und Hannah befreit ihre Mandoline aus dem Haufen von Schulbüchern und herumfliegenden Chemieaufgaben. Der erste falsche Ton lockt mich aus meiner Höhle hervor und wir starren durchs Fenster hinunter aufs Feld wo ein paar Schüler in der kalten Abenddämmerung herumrennen. Warten auf die Ferien. Schwimmen in einer Zeit, die sich anfühlt wie klebriger kochender Karamel, der Blasen aufwirft, die sofort wieder in sich zusammenfallen.

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7. Dezember

Es ist spät geworden
Im Jahr
Eis umschliesst das Gras nun den ganzen Tag
Wenn die Hände Fäuste bilden
Um das bisschen Wärme zu behalten

Ich finde es
Für mich ist es echt ok
Wenn du gerade keine Zeit hast

Sag mir
Ich weiss nicht wie viel von
Dir nur noch in meinem Kopf existiert

Vollgestopfte Wandschränke
Worte
Die man nicht öffnen darf
Geschluckt
Halb verdaut

Es ist spät geworden
Am Abend
Zu spät
Um noch einmal nachzuschauen
Und noch einmal dasselbe zu finden

Hinter meinen Fingern
Wachsen Eisblumen am Fenster
Filigrane Spitzen die sich nur
Ganz leicht berühren

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15. Dezember     „Roomie, this is the last time I’m leaving Campus and I’m coming back!“    Die Stille der einen Minute, in der ich am Boden sitze, umrundet von halb geflickten Kleidern, einer Zahnbürste, einem Briefumschlag, zwei Keksen, einem Teebeutel und einem leeren Rucksack. Die Stille hämmert ihre Nägel in meine Haut. Ich kann kaum. Kopfschmerzen vom Herumrennen. Vom Wind, der wie Wasser durch die schlecht isolierten Fensterritzen fliesst und das Zimmer flutet. Ich kann nicht, will doch. Stop! Ordne dich. Was ist es denn, vor dem du dich versteckst? Warum ist diese Stille so unangenehm? Meine Finger streichen über die zusammengekrampften Zehen, immer und immer wieder. Mein Oberkörper wiegt hin und her, hin und her. Ich weiss jetzt, ich weiss, ich kann. Trösten, mich selber und andere. Aber was ist es dann? Das lachende runde Gesicht, ein Weinglas, Füsse, die kaum den Boden berühren weil sie immerzu hüpfen, das Wort Buddy, geflüstert, gelachen, geschrien? Fetzen von purem Glück, die an mir kleben, mich reich machen, mich schützen. Vor der Welt, vor mir selbst. Die Zeit verlangsamt sich, tickt, verschwindet. Was bleibt in dieser erdrückenden Stille, schmerzend, die Erkenntnis, dass es schon so bald einfach vorbei ist.

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16. Dezember        Vollbremse. Zusammengepresst im Vakuum. Draussen regnet es jetzt. Drinnen ist es immer noch ein bisschen kalt. Nach einem 4-stündigen Nap immer noch müde. Kopfhungrig. Auf Entzug. Das Wasserrad in meinem Kopf dreht im Leeren. Da ist nichts mehr, was es nonstop füttert. Dann vielleicht ist schlafen die beste Idee…

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18. Dezember -Montezuma (NM)

Was ist denn schon zu Hause?
Ein Gefühl, das nach vier Monaten Unterdrückung einen Aufstand macht?
Wenn nach einer vor Fett tropfenden Pizza belegt mit schlampigen Pilzen die
Distanz anfassbar wird?

Was ist denn schon zu Hause?
Ist es die Liebe für den Menschen, der mir eine Geschichte vorliest?
Ist es der Ort, wo die Schneeflocken auf der Nase schmelzen?
Sehnsucht, vermissen, lange Zeit
Was ist schon zu Hause!

Was ist denn schon Realität…würdest du sagen
Durch Herzen verbunden
Es ist genau da, wo nichts anderes seinen Platz hat
Da, wo Winterflammen ihre Wärme verbreiten

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26. Dezember  -Albuquerque (NM)

Halbfrüh am Morgen, noch still im Knoblauch Haus. Nur Charlie steht neben mir am Küchentisch und macht frischen Kaffee. Eine Villa Kunterbunt, lebendig, farbig, jung und voller Traditionen. Eine Tür offen für alle. Egal wie alt, woher, ob laut oder lieber leise, lustig oder ernst, man ist willkommen.

„Omelette for breakfast, ja?“

Wir haben zwei Tage lang gekocht für Weihnachten. Die Küche war ununterbrochen in Betrieb. Jede Stunde füllte ein anderer Duft das Haus. Menschen kamen, halfen wo sie konnten, brachten etwas vorbei und kauften fehlende Zutaten. So viel herrliches Essen für so viele Menschen.

img-20161224-wa0010Ein Weihnachtstisch voll von Leuten, gestrandet, geblieben oder gezwungen zu bleiben in New Mexico. Alle ohne ihre Familie. An diesem Abend gab es keine Steifheiten oder unausgesprochene Worte, die sich über die Jahre in einer etwas eingerosteten Gemeinschaft von Leuten festgesetzt haben. Diese Gemeinschaft bestand aus einem Haufen Menschen, vom Zufall zusammengewürfelt. Viele haben sich noch nie zuvor
gesehen.

Nach dem Essen sassen wir alle um den kleinen Weihnachtsbaum und für jeden gab es ein kleines Geschenk vom Santa Clause im Tausch für eine Geschichte. Manche erzählten von ihrer ersten Begegnung mit den USA, andere teilten Kindheitserinnerungen oder Reisegeschichten. Die Worte brachten mich oft zum Lächeln. So viel haben wir Fremde in diesem Land doch irgendwie gemeinsam. Ich hätte kaum einen besseren Ort finden können, um meine erste Weihnachten weg von zu Hause zu feiern.

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27. Dezember -Albuquerque (NM)     Acoma Pueblo Sky City, die älteste Siedlung in Nordamerika, mitten in der Wüste auf einer hohen Mesa. Traditionelle Stein- und Adobelehmhäuser mit ihren kleinen Fensterchen drängen sich dicht an dicht über dem Abgrund. Kein fliessendes Wasser, kein Strom, kein Teer. Trommeln tönen aus der Mitte des Dorfs hinaus in die kalte, klare Luft. Ein Zedernholzfeuer auf dem trockenen sandigen Platz vor der grossen Kirche inmitten weisser Grabkreuzen. Einige Schritte weiter das Ende der Mesa, der Abgrund und eine glasklare meilenweite Sicht bis zu den rot schimmernden Mesas am Horizont. In der anderen Richtung genauso weit weg eine weisse Bergspitze. Vor dem Feuer die Dorfältesten, für die vor der Kirche getanzt wird. Ein streunender Hund zwischen den Grabkreuzen. Braungebrannte, alte und weise Gesichter, lange dichte, schwarze Haare. Die Kirche, übrig geblieben aus der spanischen San Esteban del Rey Mission, ein grosser Saal mit Jesusbilder und Hirschköpfen an der Wand. Keine Holzbänke, aber ein Weihnachtsbaum in der Apsis. Plastikklappstühle aufgestellt in einem Kreis um die Tänzer herum. Die Sonne schickt ihre Strahlen durch die hohen Fenster, lässt den Staub im Licht glitzern. Am hartgestampften Boden weisse Mokasins, die sich mit dem einfachen Rhythmus der Trommeln bewegen. Begleitet von Gesängen, Wehklagen, eine Sehnsucht nach vergangener Zeit, Respekt vor der Zukunft und Würdigung des Jetzt. Die Metallplättchen der farbig gemusterten Kostüme, die Rasseln der Tänzer, das flatternde Büffelfell und die ernsten Gesichter der jüngsten Tänzer. Die Acoma Pueblo haben mir zum ersten Mal ein echtes Gefühl für die faszinierende Geschichte von diesem Teil des Landes gegeben.

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3. Januar -Seattle       Das Leben schmilzt wie die Sahne einer heissen Schokolade auf der Zunge. Zucker bleibt am Gaumen kleben während die Augen gierig durch das Fenster über den Puget Sound auf die Olympic Mountains starren. Eine einzige weisse Wolke hängt am milchig blauen Himmel. Möven lassen sich in den Wind fallen und fangen sich kurz vor dem Selbstmord wieder auf. Die Sonne blendet, die Stadt ist laut, meine Gedanken ziellos, pausenlos, schrill…bis der Sonnenuntergang alles in weiche Winterfarben taucht und die tausend Lichter anfangen zu flimmern.

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5. Januar 2017 -Portland (OR)             In zwei Tagen werde ich wieder zurückfliegen nach New Mexico. Diese Winterferien waren eine Reise durch neue und aufregende Orte, ein Einblick in die Leben von so vielen verschiedenen Menschen und ständiger Wechsel. Eine Übung im Anpassen und trotzdem sich selber bleiben. Die Tage sind fast unbemerkt an mir vorbeigezogen, gefüllt wie ein zufriedener satter Magen. Mein liebes Heimweh hat sich ab und zu bemerkbar gemacht wenn ich zu Gast bei einer Familie war. Immer wieder wurde ich nach meinem zu Hause gefragt und meinen Geschwister und was die so machen. Bittersüsse Momente. Wie wunderschön, dass es euch gibt, irgendwo…

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Ein Gedanke zu “WinterWortExperimente

  1. Liebe Selina
    Da dachte ich doch, Du seist nach Hause gekommen! Gleichzeit mit Jürg oder so. Jedoch: Das eilt nicht…. Du hast offenbar eine reiche Zeit verbringen dürfen. Mit allem Drum und Dran. An Gesehenem, Erlebten und Gefühlen. Das alles gehört nur Dir.

    Jedoch: Ich danke Dir, dass Du mich an Deinen Experimenten und wunderbaren Wortschöpfungen teilnehmen lässt. Ich beobachte eine beachtliche Entwicklung Deiner Ausdrucksstärke. Darauf lässt sich weiter aufbauen.

    Für die angelaufene Endetappe wünsche ich Dir alles Gute, für das noch junge neue Jahr auch. Du sollst alles freudvoll und mit schönen Erleb- und Ergebnissen in vollen Zügen geniessen dürfen. Und dabei von bester Gesundheit und vielen guten Gedanken aus der Ferne unterstützt werden.

    Mit lieben Grüssen
    Peter

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