Frei?!

img_6378

Beim elften Versuch habe ich die richtige Folge von Griffen und Gewichtsverlagerung in der Felswand gefunden und erreiche mit minimalem Kraftaufwand die Spitze. Muskeln in den Fingerspitzen und den Zehen arbeiten zusammen. Meine ganze Konzentration liegt auf der nächsten Bewegung. Möglichst exakt. Es gibt keinen Platz für Gedanken, die wie Weltraummüll in meinem Kopf kreisen. Endlich verstummen die lästigen Hintergrundgeräusche. Alles Unangenehme und Schwierige löst sich auf. Die Droge des süssen Erfolges breitet sich in meinem Körper aus, wenn der letzte sichere Stoss eines Fusses mich über die Felskannte schiebt. Es kümmert mich so wenig, was mal war, was mal kommen wird. Überlasse mich der Kraft der Gegenwart und fühle mich frei.

 

In letzter Zeit habe ich viel über frei sein nachgedacht. Heute Abend haben sich einige dieser Gedanken zusammengefügt und mit Gefühlen und Erfahrungen, die sich über Jahre angesammelt haben, verbunden. Daraus hat sich etwas herauskristallisiert und verfestigt, über das ich nun zu schreiben versuche.

Als kleine Anmerkung: Was ich hier schreibe ist verallgemeinert. Ich bin mir bewusst, dass es Ausnahmen auf dem ganzen Spektrum von positiv bis negativ gibt.

Mit fünf oder sechs Jahren, manchmal auch schon früher, werden wir (alle, die das Privileg haben) in das Schulsystem eingebunden. In diesem System verbringen wir den grössten Teil unserer Kindheit und praktisch alle Jugendjahre, oft bis ins frühe Erwachsenenalter. In dieser Zeit entwickelt sich unser Verständnis für die Welt und die Menschen, mit denen wir leben. Antrieb dafür ist Neugier. Unsere Neugier bestimmt, wie schnell dieser Prozess voran geht. Jedes Kind, ohne Ausnahme, fängt an seine Umgebung zu erforschen, wenn es die Möglichkeit dazu hat. Die Art zu erforschen und zu entdecken ist einzigartig für jeden Menschen. Genauso sind die Interessen, die wir zu einer gewissen Zeit an einem gewissen Ort haben unterschiedlich. Ein Interesse wird aus Neugier geboren und solange die Neugier nicht gestillt ist, werden wir fragen. Das ist so was wie ein Naturgesetz. Es ist der Schlüssel zum Lernen. Es muss nur die Umgebung dafür geschaffen werden und der Rest passiert von alleine. Genauso wie das Leben auf der Erde entstanden ist. Lernen funktioniert nach dem gleichen Konzept wie alle Entwicklungen in der Natur funktionieren.

Aber das Schulsystem hat nichts davon verstanden und bricht dieses Gesetz mit allen verfügbaren Mitteln, statt es zu nutzen. In einer festgelegten Zeit müssen wir uns mit etwas beschäftigen, das uns interessiert, wenn wir Glück haben. In diesem Fall, wird die Neugier und der Wille zu lernen nach einer Stunde mit der Schulglocke abrupt unterbrochen, gezwungen zu stoppen und in ein komplett anderes Interesse umzuschwenken. Das soll in etwa fünf Minuten passieren. Zehn Mal am Tag. Wenn wir das Pech haben, kein Interesse an dem zu finden, was der Lehrer vorne an der Wandtafel erzählt, sind wir gezwungen eine Stunde auf eine Stuhl zu sitzen und künstliches Interesse aufzubringen. Dies ist nicht nur eine hohe Kunst, sondern auch schwer frustrierend, wenn es etwas anderes gibt, an dem wir natürlich interessiert wären. Noch frustrierender ist es jedoch, ständig beim Lernen unterbrochen zu werden. Unsere Individualität wird in Boxen gezwängt und zurecht gebogen. Das Schulsystem bringt Frustration. Jeden Tag. Wir gewöhnen uns relativ schnell daran. Wir kennen ja nichts anderes aber nach spätestens der zweiten Klasse ist die Schule milde gesagt „doof“. Die Frustration ist wie ein Virus, der unsere Neugier befällt und langsam lähmt oder auch tötet. Interessen, die am Anfang noch da waren, sterben ab. Die Krankheit der Gleichgültigkeit befällt die Schulen. Natürlich hat das Schulsystem eine Pille erfunden, um dieses Symptom erfolgreich zu bekämpfen: Prüfungen. Wir arbeiten für eine Bewertung, die uns eine gute Zukunft in der Gesellschaft versichert. Eine Bewertung, die unsere Chancen bestimmt. Wir lernen unter dem künstlichen Druck der Bewertung, statt mit der Antriebskraft der natürlichen und hundertmal wirkungsvolleren Neugier. Wir lernen für eine Zahl und nicht für uns selber. Dabei kann man hier kaum mehr von lernen reden. Die Prüfungspille hat schwerwiegende Nebenwirkungen. Schüler erfinden Strategien, um das Material für Prüfungen so schnell wie möglich in sich hineinzustopfen und an der Prüfung wieder auszukotzen. Dabei bleibt selten etwas hängen. Das ganze Theater ist sinnlos, verschwendet viel Zeit, macht wütend, ist erschöpfend und frustriert einmal mehr. Manche Schüler zerbrechen in den Boxen, in die sie gezwängt werden und ihre Neugier stirbt. Dieses Problem beschränkt sich nicht nur auf die Zeit in der Schule sondern prägt für das Leben. Das Schulsystem produziert Menschen, die verlernt haben neugierig zu sein und lernen zu wollen. Menschen, die auf Leistung und Erfolg getrimmt sind und blind sind für alles was nicht auf diesem Weg liegt. Frustrierte Menschen, geldgierige Menschen, müde Menschen, ignorante Menschen und vor allem unglückliche Menschen.

Ich glaube, dass Bildung die Welt retten kann…

…würde das Schulsystem sich von dem Wort System befreien und sich in etwas umwandeln, das die natürliche Neugier von jedem einzelnen Kind unterstützt und fördert. Das Verständnis und Bewusstsein der Menschen für die Welt und ihre Mitmenschen wäre ein anderes. Und  genau das ist es, was wir in diesem Jahrhundert brauchen. Eine radikale Veränderung.

Ich habe ein starkes Bedürfnis mich nach zwölf Jahren aus diesem System zu befreien. Ich merke, wie meine Neugier nach einem Winterschlaf aufwacht und sich ihren Platz zurück erobert. In ihrer ganzer Kraft. Ich bin hungrig. Ich will frei sein. Ich will lernen, was mich interessiert und nicht, was mir vorgeschrieben wird.

Ich weiss. Ich weiss nur noch nicht genau wie.

 

Die Ereignisse der letzten 24 Stunden waren eine einzige Tragödie. Langsam und unaufhaltsam haben sich die Staaten gestern Abend auf der Amerikanischen Karte rot gefärbt. Im Auditorium versammelte sich der ganze Campus. Der Ausdruck des Entsetzen und Unglaubens spiegelte sich immer stärker in den Gesichtern, die auf die Zahlen auf der grossen Leinwand starrten. Der letzte hoffnungsvolle Jubel als Hillary 55 Stimmen in Kalifornien gewann, hysterisches Lachen, erste Tränen und leise Gebete liessen das sonst so grosse Auditorium auf einmal klein erscheinen. Das, was keiner erwartet hatte, geschah. Trump wurde zum Presidenten der USA gewählt.

Ausnahmslos jede Schulstunde und jedes Gespräch drehte sich heute um die Wahlen. Ironisch strahlte der dunkelblaue Novemberhimmel über der Niedergeschlagenheit, Verwirrung und Verunsicherung. Ich werde nicht von den Auswirkungen dieser Wahl sehr milde betroffen sein. Aber es ist nicht einfach für mich mit dem was passiert umzugehen. Wie soll ich meine Roomie trösten, die schluchzend auf ihrem Bett sitzt weil ihr den ganzen Tag unter die Nase gerieben wurde, wie SCHEISSE ihr Land ist? Wie soll ich reagieren, wenn Lehrer vor der Klasse anfangen zu weinen? Was soll ich sagen, wenn eine Diskussion aus Frustration in totale Fantasien und Spekulationen eskaliert?

Es ist das erste Mal, das ich so etwas erlebe. Es ist unangenehm. Es ist überall, in jeder Ecke und Ritze. Und es tut mir so unendlich leid für alle, die den direkten Auswirkungen dieser Wahl für die nächsten vier Jahre ausgesetzt sind. Im Moment ist alles noch sehr emotional und im Schockzustand. Ich hoffe, dass aus der Katastrophe eine grosse Veränderung hervorgeht.

Meine Antwort ist und bleibt nun umso stärker:

Bildung ist die Wurzel von allem.

 

Ein paar Tage vor dem Wahnsinn, als die Welt noch halb in Ordnung war:

Kollaborative experimentelle Feuerkunst am „dia de los muertos“

img_6441img_6466 img_6480

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s