Herbst

Innerhalb von wenigen Tagen machte die grelle und staubige Sommerhitze einer beruhigenden Kälte und vielen warmen Farben platz. Am Morgen ziehen lange Nebelschlangen über die flache karge Ebene, die ich durch mein Fenster sehe. Die wenigen Laubbäume unter den immergrünen Pinien sind zu gelben Farbtupfer geworden. Der Herbst ist gekommen. Meine Lieblingsjahreszeit in New Mexico.

Auch auf der Farm…

Kartoffel, Mais, Bohnen, Tomaten und Zughettiernten, herber sauersüsser frisch gepresster Apple cider, Spaghetti squash, der als Abendessen in der Cafeteria gekocht wird und Pinons, die in ihrer harten Schale essbare Kerne tragen, die nach Olivenöl und New Mexico schmecken.

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Genau vor einem Jahr bin ich durch die Pecos Berge gewandert, habe zum ersten Mal für etwas länger in der nun so vertrauten groben Schönheit der Wildnis, die mich hier umgibt, gelebt. Dieses Jahr, als second year, durfte ich in Montezuma bleiben und versuchen das IB zu überleben. Während der Survival week haben wir auf der Farm einen Horno Brotofen gebaut. Nach der traditionellen Art mit sonnen getrockneten, sandhaltigen Erdblöcken, viel Schlamm und Lehm, wie es die Natives in Nordamerika schon vor tausenden Jahren gemacht haben. Poncho von Santa Fe ist zwei Tage auf unsere Farm gekommen und hat uns mit professioneller Hilfe und viel Fachwissen geholfen, Block für Block aufeinanderzusetzen und festzukleistern. Nach stundenlangem, konsentiertem, klug aussehendes Englisch in den Computer tippen, war die Arbeit auf der Farm Schlammtherapie für eine vernachlässigte Seite von mir, die viel Erde unter den Füssen, frische Luft, die den Geruch der Freiheit trägt, verwurzelte Bäume und manchmal auch Sonnenblumen braucht. Poncho, der zwischendurch alles zum Einsturz brachte und dann in einer Schubkarre sass, rauchte, nachdachte, wie man den Ofen wieder reparieren konnte und darüber philosophierte wie gut unsere weibliche Energie für den Spirit des Hornos ist, brachte uns alle zum Lachen. Das Ergebnis lässt sich trotzdem sehen. Und bald gibt es Pizza und Brot aus dem Horno Ofen….

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14435248_10154441507559376_1450246799510433873_oZwischen Himmel und Erde, zwischen den Sternen, zwischen dem Dampf, der von den Hot Springs aufsteigt. Mal da, mal dort, immer irgendwo. Schnell, schneller, ganz schnell, Lichtgeschwindigkeit. Verschwommen. Die Augen, die einem Sonnenuntergang zuschauen, können die Farben nicht verfolgen. Das Gehirn funktioniert zu schnell. Ich kann einen Moment sehen. Weiss nur, dass es einmal hell orange war und jetzt ist es kitschig kirschrot. Das rote Schloss mit den weissen Geländern verschwimmt unter dem farbigen Himmel zu einem surrealen Bild. Meine Hände strecken sich aus und klettern von Moment zu Moment auf dem Kletterfelsen der Zeit. Das Dazwischen ist ausgefüllt von Alltagssorgen, chaotischen Listen und Schule. Sie sind wie ein Fliegenfänger und jeder Versuch, um die Falle herumzukommen und Sinn zu finden, endet in dem tödlichen Kleber. Dampfender Mate Tee zwischen Zahlen, Formeln und anderen Zauberwesen. Ich merke, wie ich langsam etwas müde werde. Kalte Steine und schlechtes Essen in meinem Bauch.14455823_1188600921198530_77107367_o-1 Eine Verspannung im Nacken, die sich nicht abschütteln lässt. Computertasten, ein Tanz der Finger, Verrenkungen im Gehirn. Tee hat ausgedampft. Hämmern an der Tür und grinsende Gesichter. Auch erschöpfte Gesichter, ausdruckslose Gesichter. Müde. Meine Nerven spannen sich. Ich will eine Höhle. Isoliert von Licht, Ton und Information. Mich verkriechen, erst wieder auftauchen, wenn der schwierige Teil vorbei ist. Aber nein. Da ist irgendwo eine Hand. Eine Geschichte. Eine Notiz: „It’s Friday, you can do it!“. Durchatmen.

Wie soll ich  eine Entscheidung treffen, wenn meine Gedanken knapp bis zum nächsten Freitag reichen? Wie soll ich wissen, was das Richtige ist? Für das nächste Jahr, für das Übernächste und für danach. Es fällt mir unglaublich schwer irgendwie darüber nachzudenken. Alle um mich herum schreiben Bewerbungen und planen. „After UWC“ ist zum Gesprächsthema Nummer 1 geworden. Ich habe immer noch irgendwelche Knoten, die jegliche Aktivität in diese Richtung lähmen. Könnte ich in einen Luftballon steigen und dieser komplizierten Welt davonfliegen….

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Ob in mir ein mittelgrosses Durcheinander entstanden ist? Diese Frage wurde mir als Reaktion auf meinen letzten Blog gestellt.

Es ist schwer zwischen Durcheinander und Ordnung zu unterscheiden. Die vertrauten Spiegel, die mich zu Hause reflektiert haben und mir ein Gefühl über den Stand der Dinge in mir drin gegeben haben, existieren hier nicht. Ich habe gelernt mit einem sehr relativen Gefühl von Durcheinander und Ordnung zu leben, das inzwischen so normal geworden ist, dass es mir nicht einmal mehr auffällt. Dies wiederspiegelt sich sicher in meinem Geschriebenen, gemischt mit meiner Freude an der Sprache und dem Zusammensetzen von Worten. Ich kann mir gut vorstellen, dass zwischen-den-Zeilen-Leser, die mich kennen, sich davon irritieren lassen. Ein Rat: Macht euch keine Sorgen um mich. Ein Durcheinander ist nötig für Veränderungen. Lest meine Blogs als ein abstraktes Kunstwerk und nicht als die exakte Wiedergabe meines Lebens. Denn auch die begrenzten Ausschnitte der Zeit, die ich durch Worte auszudrücken versuche sind, ohne das Ganze zu sehen, verzerrt. Interpretationen sind jederzeit erlaubt. Sie sind Inspiration und meistens Anlass, über mich selbst zu kichern.

 

Ich hab mir jetzt eine Höhle unter meinen Bett gebaut. Es ist gemütlich da mit vielen Kissen und Lichterketten. Seither finde ich manchmal jemand zusammengerollt unter meinem Bett, wenn ich zurück in mein Zimmer komme. Es ist irgendwie beruhigend, zu wissen, dass man nicht die einzige mit einem starken Höhlenbewohnerbedürfnis in der Zeit der Entscheidungen und des Schulstress ist…

 

Ein Gedanke zu “Herbst

  1. Liebe Selina
    heute ist bei uns auch so ein höhlentag, draussen regnet es in strömen, ich sehe kaum bis zur kirche. bin ich froh, habe ich gerstern ein bisschen den herbst mit seinen wunderbaren farben eingesammelt;-) nun kann ich getrost drinnen bleiben, vor dem feuer, und das „höhlenleben“ geniessen.
    du weisst, ich lese deinen blog immer mit viel freude, deine sprachlichen bilder gefallen mir sehr gut, ich kann mir so immer gut vorstellen, was da gerade bei dir läuft, da hast du wirklich eine wunderbare begabung.
    ich wünsch dir für die kommende zeit, die ja sicherlich nicht nur gemütlich ist, sondern auch viel fingerbeweglichkeit und hirnzellen braucht, dass du immer wieder in deiner höhle oder sonst an einem schönen plätzchen zur ruhe kommst und energie tanken kannst
    …. so wie ich gehört habe, hast du dich ja entschieden, dein amerikaabenteuer auch über die weihnachtstage weiter zu ziehen. kann ich gut verstehen, zuhause oder in der CH kannst du ja noch oft weihnacht feiern;-)
    hatte eigentlich auch schon beim abschied das gefühl, dass du dich schon dafür entschieden hast.
    hebs guet, drück dich lieb,
    dis „tanti“ pia

    Liken

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