Vogelperspektive

Hallo ihr lieben auf der anderen Seite

Ich bin zurück. Mein zweites Jahr hat begonnen. Diese zwei Sätze kreisen seit knapp einer Woche in meinem Kopf und werden jeden Tag ein kleines bisschen wahrer. Im Bus vom Flughafen zurück zum Campus fanden die vertrauten bunten Stimmen kaum Zugang zu meinen Ohren. Es war laut, viel zu laut, Aufregung umringte diese verrückt gewordene Gruppe von jungen Menschen, die sich mitten im Nirgendwo nach zwei Monaten wieder in die Arme fielen. Erst die warmen, intensiven Strahlen der Abendsonne und die vorbeiziehende Wüstenlandschaft New Mexicos weckte ein tiefes Gefühl von Verbundenheit.

In der ersten Woche verbrachte ich vier Tage mit einer Gruppe von second year Wilderness Leaders in den Pecos, um uns auf die first year Orientation Trips vorzubereiten. Ein Wortbild:

Die Welt um mich herum ist gerade erst aufgewachen. Der See ist noch ganz still, lässt die Natur sich in seiner Oberfläche betrachten. Keine Spur mehr von den Hagelkörnern, die gestern das Wasser aufgewühlt haben. Farben sind verschlafen. Ein blasses Grau und einige Grüntöne gähnen im Schatten. Die goldene Morgensonne berührt mit ihren Strahlen die Spitzen der Felsen hoch oben. Wind streicht über mein Gesicht. Das Wasser kräuselt sich in kleinen ringförmigen Wellen und verzehrt das Spiegelbild. In bin zurück in den Pecos, atme den Duft der Wildnis, höre die vertrauten Geräusche der Lebewesen, die hier wohnen und fühle wie ich einen Teil davon werde. Das Blau des Himmels ist kräftiger geworden, der Morgen weicht langsam dem Licht, dem Tag. Der sanfte Wind trägt die Stimmen der Frühstückkochenden unter dem kitchen tarp zu meinem Felsen am See: der norwegische Akzent von Elias, Deevas Lachen und amerikanischer Slang. Hier bin ich. Hierher gehöre ich für dieses Jahr. Es ist ein überwältigendes Gefühl.

Ich hatte so keine Ahnung was second year sein bedeuten würde. Keine Ahnung wie es sich anfühlen würde. Meine Lebensqualität hat sich komplett geändert. Der leere Raum, der meine second years hinterlassen haben, ist zu meinem Freiraum geworden. So viel Platz, um herauszufinden und auszuprobieren wie ich sein möchte. Raum, um mich auszudrücken ohne mich beobachtet oder bewertet zu fühlen. Aber es gibt niemanden mehr, der mich auffängt. Ich fange mich selbst auf und trage gleichzeitig das Gewicht der first years, die sich mir anvertrauen. Dieser Rollenwechsel tut gut, fordert mich auf eine neue Art. Es festigt das, was sich letztes Jahr angefangen hat zu bilden. Wilderness hat mir dazu in den ersten Wochen fantastische Möglichkeiten geboten. Ich wurde in die Rolle des Leaders geworfen, ob ich wollte oder nicht und langsam haben sich all die kleinen und grossen Unsicherheiten in etwas verwandelt, das ich als einen Teil von mir akzeptieren kann. Ein drei tägiger Trip mit first years zu leiten war anfangs nicht einfach. Mit der Unterstützung meiner co-leaders und Instructor hat sich in einer kurzen Zeit eine sehr interessante Gruppendynamik gebildet. Geschichten verknüpften uns Menschen miteinander. Es war wunderbar zu sehen wie die Anspannung und Erschöpfung von den Gesichtern der firsties wich und durch ein zufriedeneres Lächeln und eine gesündere Art der Erschöpfung ersetzt wurde.

Orientation bringt viele Déja vus für mich. Ich erkenne mich in den herumirrenden, verloren lächelnden firstie Gesichtern wieder. Aber es ist das zweite Mal für mich. Ich weiss nach welchen Regeln das Ganze funktioniert. Ich erlebe das Chaos, in dem ich vor einem Jahr steckte, von einer ganz anderen Seite. Trotzdem war ich überwältigt von den all den neuen Menschen, die uns ganz plötzlich überfluteten und so dauerte es einen Moment, bis ich wieder zu mir kommen konnte. Doch jetzt erkenne ich wie einmalig und wertvoll diese Tage sind. Alle firsties bringen so viel von ihrem zu Hause, ihrer Kultur, ihrem Land mit. Durch den Campus zu gehen fühlt sich an wie hundert Gewürze auf einmal zu schmecken. Kleine Gesten, Wörter oder Verhaltensweisen lassen mich innehalten. Alles ist ungefiltert, bunt und hochinteressant. In einigen Wochen werden wir alle anfangen einander näher zu kommen und dabei bildet sich die UWC Kultur. Das Chaos bekommt Strukturen und alle lernen die UWC Sprache, die ungeschriebenen Regeln und Werte. Irgendwann wird es wieder so normal sein, dass man manchmal vergisst, dass wir von so unterschiedlichen Orten kommen und komplett anders aufgewachsen sind.

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Vor einer Woche hat die Schule wieder angefangen. Meine unbefangenen Gedanken, die in Orinetation noch frei auf irgendwelchen Blumenfelder herumtanzten erstarrten mit der Erkenntnis, dass es jetzt wirklich ernst wird. Ein unsichtbarer drückender Nebel hat sich über die second years gelegt. IB, EEs, IAs, college applications, Exed leadership und dann all die TOEFLs, SATs und was es sonst noch gibt, haben die Regierung übernommen. Ein paar lächerliche Abkürzungen, die so viel Stress verbreiten und das schon in der ersten Woche. Ein Teil von mir belächelt das ganze Theater, das keinen Sinn ergibt, egal von welcher Perspektive man es anzuschauen versucht und dann fliege ich davon, ins Land der Träume, Erinnerungen und Illusionen. Von weit weg, hoch oben sehe ich den Ameisenhaufen, in dem ich lebe, fühle die Freiheit, die Luft unter meinen Flügeln. Ich sehe die Welt aus der Vogelperspektive und frage mich was die Menschen tun. Frage mich, wie wir uns so unglaublich tief in unseren eigenen Spinnweben verfangen konnten. Wie wir überhaupt in diesem viel zu engen System überleben. Ein anderer Teil von mir, der verantwortliche, aufgeräumte, besorgte und zielstrebige versucht verzweifelt all die verschiedenen grösseren und kleineren Schularbeiten nach Wichtigkeitsgrad zu sortieren und zu erledigen. Nur finden immer öfter Streitereien der beiden Teilen in meinem Kopf statt und ich habe das Gefühl, dass es eine meiner Hauptaufgaben dieses Jahr sein wird, eine Balance für diesen Konflikt zu finden.

Welcome Ceremony II

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Hätte nicht gedacht, dass ein solches Bild von mir je existieren würde…
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Jetzt sind wir eine richtig kleine Schweizer Familie
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Die Castle Mädchen

 

Heute Nacht habe ich zufälligerweise die offene Tür des Klassenzimmers im dritten Stock des Castles entdeckt. Ich sitze auf der Fensterbank, sehe unter mir die Flaggen sich im sanften Wind wiegen. Ich höre das Nachtkonzert der Grillen und die Stimmen der Nachtschwärmer, die sich in Decken gewickelt zum water reservoir davon schleichen. Weiter weg schimmern die Lichter von Montezuma und Las Vegas. Letztes Jahr habe ich irgendwann aufgegeben, diesen Ort hier zu meinem zu Hause machen zu wollen. Doch heute Abend, als ich mit all den deutschsprecheden Schülern an einem Tisch sass und im Kerzenlicht viel zu süssen Apfelkuchen ass, als ich mich etwas später in einem Zimmer wiederfand, das ich noch nie zuvor besucht habe und mich von dem einen auf den anderen Moment so verbunden fühlte mit diesem Mädchen, mit dem ich kaum ein Wort gewechselt habe letztes Jahr, jetzt wo ich in diesem Klassenzimmer sitze, jetzt überkommt mich ein Gefühl für diesen Ort, der dem Gefühl eines zu Hause wohl am nächsten kommt. Und dieses Mal ist es nicht ein Windhauch, der kaum etwas hinterlässt, sondern eine Art Gewissheit, Sicherheit oder auch Wahrheit.

Eine Mail von einer guten Freundin hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Schule, mit der ich ja eigentlich den grössten Teil meiner Zeit hier verbringe, sehr kurz kommt in diesem Blog. Ich habe über das Warum nachgedacht, bin aber nicht wirklich auf einen guten Grund gekommen. Ich werde sehr ehrlich sein, nichts schön reden und nichts weniger loben als gelobt werden soll. Ich glaube, die Schule hier verwirrt mich (vielleicht is das der Grund), sie macht mich wütend, sie inspiriert, sie ist mühsam, macht müde und entspricht oft nicht meinen Vorstellungen. Das IB (International Baccalaureate), nach dessen Strukturen und Lehrplänen hier unterrichtet wird, ist international anerkannt und kann in etwa mit der Matur in der Schweiz gleichgestellt werden. Das IB ist keine Erfindung der UWCs, es wird weltweit auf bestimmten Schulen in der Oberstufe angeboten und hat einen guten Ruf bei vielen Universitäten. Nur finde ich und damit bin ich auch nicht die einzige hier, dass IB und UWC überhaupt nicht zusammen passen. Das IB hat extrem enge Ansichten, wie etwas aussehen soll, was richtig und falsch ist. Kreativität kommt in jedem Fach ausser den Kustfächern viel zu kurz. Manchmal gibt es gute Ansätze zu selbst gesteuertem Lernen, Gruppenprojekten oder Experimenten aber so oft ist die Umsetzung einfach nicht zufriedenstellend und da tragen nicht nur die Lehrer sondern vor allem die Schüler die Verantwortung für ein gutes Resultat. Ein Grund dafür ist sicher, dass wir, vor allem im zweiten Jahr, eigentlich pausenlos arbeiten könnten, um alles perfekt hinzubekommen. Doch UWC ist so viel mehr als Schule und schlafen muss man irgendwann auch noch. Das heisst, der Schlaf kommt sowieso zu kurz und viele, mich inklusive, sind nicht bereit den grössten Teil ihrer Energie in die Schule zu stecken. So leiden manche Stunden mit so viel Potenzial unter der Krankheit von müden Schülern, die einfach nur das Mindeste machen, um durch zu kommen. Manche Lehrer sind genial und können aus einer schläfrigen Gruppe Jugendlichen leidenschaftliche Diskussionen hervorkitzeln. Denn nicht allzu weit unter dem demotivierten Augenverdrehen um acht Uhr morgens verbirgt sich ein kleines Feuer und wenn man dem nur das richtige Brennmaterial gibt, wird es explosionsartig in Flammen aufgehen. Es gibt Lehrer, die diese Kunst beherrschen und von mir hoch geachtet sind. Es gibt Lehrer die mich mit ihrer Geschichte, Persönlichkeit und ihrer Art zu unterrichten inspirieren. Es gibt Lehrer, mit denen ich eng befreundet bin und über einfach alles reden kann. Und es gibt auch das absolute Gegenteil. Ich verstehe, dass sich jeder Lehrer an den Lehrplan des IBs halten muss und dass es manchmal sehr schwer sein kann, damit etwas Vernünftiges anzufangen. Ich wünschte, es gäbe ein UWC Diplom, das genau die gleiche Anerkennung wie das IB hat. Es ist in Diskussion, doch wenn überhaupt, wird es Jahre dauern, bis so etwas durchkommt. So habe ich mich mit dem IB abgefunden. Mehr oder weniger. Und ich glaube es ist gut, wenn es noch irgendwo diesen kleinen Widerstand gibt, der mich manchmal dazu bewegt, zu versuchen etwas zu verändern auch wenn es nur Papier doppelseitig bedrucken ist. Die Dinge, auf die es mir ankommt, von denen ich wirklich lerne, passieren ausserhalb der Schule. Es sind die Diskussionen mit meinen beiden Roommates, Hannah liberal katholisch und amerikanisch feministisch und Ayesha, die von einer Aerospace engineering Kariere träumt und streng muslimisch ist, über Religion und das Leben. Es ist das tagelange Schneestapfen mit einem Rucksack irgendwo im nirgendwo. Es sind die späten Nachtstunden im Artroom, in denen ich mich in Farben, Formen und Linien verliere. Es sind die flüchtigen Momente. Wenn ich am Morgen den herben Duft von Pinien und der trockenen Wüste rieche. Wenn ich am Nachmittag durch einen Platzregen tanze. Wenn ich am Abend auf der Fensterbank sitze, eine kühle Brise durch das Fenster weht und die Hitze des Tages vertreibt.

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Bis bald…

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